1971: Kampf der Giganten: "Schwangere Auster" gegen "Aluminiummonster"

Das Internationale CongressCentrum kündigt sich an

Ausschnitt aus einer Postkarte, Das "Alu-Monster" ICC (Datum unbekannt)

Es ist doch nicht zu übersehen: In dieser Zeit verliert die Kongresshalle an Bedeutung und das aus gleich drei Gründen. Sehr höflich und indirekt drückt das der in diesem Jahr erscheinende Band IX der Reihe „Berlin und seine Bauten“ aus. „Mit dem Bau der Kongresshalle“, so wird dort resümiert,“ wurde die Hoffnung verknüpft, dass sich der Pulsschlag des großstädtischen Lebens über die zerstörten Gebiete und den Tiergarten hinweg bis zur Sektorengrenze … bemerkbar mache. Der Bau der Mauer 1961 machte die Kontaktanbindungen zum anderen Teil der Stadt und alle an diese Kontakte geknüpften Vorstellungen zunichte.“ Die Verbindungen zwischen West und Ost werden in diesem Jahr zwar wieder zahlreicher, so werden 1971 erneut Telefonverbindungen eingerichtet und das Abkommen für einen reibungsloseren Transitverkehr paraphrasiert. Aber die Kongresshalle verbleibt eben im fast physischen Schlagschatten der Grenzsperren. Dann reiht der Autor Robert Riedel die Kongresshalle ein in ein „Kulturband“, das auch die Bauten am früheren Kemperplatz umfasst, als „ein unverlierbares symbolträchtiges Bindeglied“. Das klingt zwar schmeichelhaft, damit ist aber auch benannt, dass der Halle Konkurrenz als Veranstaltungsort wie als Berliner Wahrzeichen entstanden ist: durch die Philharmonie – eröffnet 1963 – und genauso durch die Neue Nationalgalerie – offen seit 1968. Daneben noch die Akademie der Künste ganz in der Nähe im Tiergarten. Ausstellungen wie die Bernhard Heiliger-Retrospektive oder die Nolde-Ausstellung, die schon mal in der Kongresshalle zu sehen waren, oder die Aufführung großer Orchesterwerke können nun eben woanders Platz finden. Am Ende folgt dann der dritte Grund für den fortschreitenden Bedeutungsverlust des Stubbins-Baus: „Dem Ausbau der Hauptstadtfunktionen Berlins soll es dienen, nationale und internationale Kongresse anzuziehen … Seit dem Jahre 1968 verfolgen Wirtschaftskreise und Senat von Berlin Pläne, die ein Kongresszentrum nahe dem Gelände der Berliner Ausstellungshallen schaffen sollen.“ Das künftige neue Kongressgebäude würde eben eine Verbindung von Kongressen und Messeausstellungen ermöglichen, verkehrsgünstig gelegen sein, über Platz zu weiterem Ausbau verfügen. Die Architekten haben 1971 die Pläne für das ICC gerade vorgelegt.

Vielleicht ist es aber auch so, und das wäre dann sogar ein vierter Grund, dass die Funktion der Kongresshalle als Symbol der deutsch-amerikanischen Freundschaft nicht mehr als zeitgemäß empfunden wird. Es ist auch nicht mehr selbstverständlich, dass amerikanische Präsidenten oder Vize-Präsidenten auf Berlin-Besuch hier Station machen. Hubert Humphrey zum Beispiel kommt bei seiner Visite, 1966 unter starkem Polizeischutz, nur bis einen Kilometer vor die Kongresshalle. Er besucht stattdessen die ziemlich neue Philharmonie in der Nähe. Und auch Richard Nixon 1969 - ebenfalls mit großen Gegenkundgebungen konfrontiert, obwohl er es ist, der schließlich den Vietnam-Krieg beendet - war nicht in der Halle. Aber er hielt sich ja auch insgesamt nur dreieinhalb Stunden in Berlin auf.

Apropos: Für das ICC – später auf Ansichtskarten „Alumonster“ genannt – wurden 1971 rund 250 Mio. DM Baukosten veranschlagt. Eine Mrd. hat das Gebäude bei seiner Eröffnung 1979 schließlich gekostet.
Axel Besteher-Hegenbart

Robert Riedel, „Kongresshalle und Kongreßzentrum“, in „Berlin und seine Bauten“, Teil IX, „Industriebauten, Bürohäuser“
www.berlin.de