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Auswertung (7) - diskutierte Themen

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Globalisierung / globale Kultur

Wie im vorigen Abschnitt bereits erwähnt, spielten unterschiedliche Aspekte der Globalisierung und mögliche kulturelle Folgen der Ausbreitung des Internet in der Debatte eine große Rolle. Obwohl zumeist nicht direkt ausgesprochen, stand dahinter u.a. die seit Jahren diskutierte Frage, wie groß die Gefahr einer Homogenisierung der Kulturen unter US-amerikanischer Dominanz ist.

Amerikanisierung globaler Kultur?
Armin Medosch wies in seinem Statement darauf hin, daß ein großer Teil der Mythen und der Ideologie des Internet in den USA entwickelt wurde. Während Elemente, wie »organisierter Dissens (Underground Rock- und Popkultur), Individualismus, verstärkt durch Nerd- und Hackerphantasien und einer Art von Transnationalismus, der vor allem Jugendliche aus Metropolengebieten anspricht und von den Versatzstücken amerikanischer Populärkultur (Stichwort MTV) durchtränkt ist, ... das hippe Vorzeige-Image des Internet bestimmen, haben die großen multinationalen Technologie- und Telekommunikationskonzerne in ihren Expansionsbestrebungen freie Bahn. Das Internet kann damit auch zu einem Wasserträger jener Art von Globalisierung werden, die soviel Schaden für zuvor geschützte lokale Wirtschaften und Kulturen bringen kann. 'Angeschlossen' zu werden, heißt ja nicht nur Zugang zur gesamten Netzwelt zu haben, sondern auch umgekehrt, daß das alles auf einen selbst zukommen kann.«

Im Zusammenhang mit der »Amerikanisierung globaler Kultur« gab es von Cynthia Beth Rubin einen wichtigen Einwurf: »Amerikanische Kultur ist vielfältig und fließend. Was exportiert wird ist das, was sich im Ausland verkaufen läßt, und nicht notwendigerweise das, was die die aktuelle Kultur der USA reflektiert...«

Kulturelle Stereotype
Yu Yeon Kim bezog sich mit der folgenden Bemerkung auf Armin Medosch: »Es muß aus westlicher Perspektive mit ihrer Geschichte des Kolonialismus tatsächlich sehr schwer sein, über die bloße Fetischisierung und Stereotypisierung der asiatischen, afrikanischen und sogenannten Dritte-Welt-Kulturen hinauszugehen. Diese Kulturen brauchen aber keinen Schutz vor der Infektion und Verunreinigung durch 'jene Art von Globalisierung, die soviel Schaden für zuvor geschützte lokale Wirtschaften und Kulturen bringen kann'.« Durch die schon lange vor dem Internet einsetzende Evolution globaler Kultur sind »sowohl die Überbringer als auch die Empfänger« bei ihren Zusammentreffen »verunreinigt« worden.

Schon in ihrem Statement hatte Kim geschrieben: »Wenn wir das Internet als einen Kontaktbereich für internationale Kulturen in Betracht ziehen, dann müssen wir auch den verwickelten Lauf der postkolonialen und der neoimperialistischen Werte untersuchen, die durch den westlichen Konsumismus, und damit auch durch die dem Internet zugrundeliegenden Mechanismen vermittelt werden. Eigentlich gibt es keine einfache Trennung vom Anderen, diesem Konglomerat vorfabrizierter sogenannter 'Drittwelt'-Identitäten, das sich in zweifelhafter Manier wieder in dieses Milieu eingespeist hat - die Übertragung von Bedeutungen ist in vielerlei Richtungen bereits im Gange. Der tatsächliche Ausschließungsbereich beginnt jedoch in der äußersten Reichweite der technologisch Mächtigen - da, wo die technologisch Armen entdecken, daß sie auf einem neuen Niveau der Entmündigung gehalten werden, während sie von den technologisch Reichen als die 'Anderen' zum Fetisch erhoben werden.«

»Globale« Kultur ist pluralistisch
In der Mehrzahl der Beiträge zu diesem Themenkomplex wurde die Auffassung vertreten, daß das Internet die Vielfalt der Kulturen nicht oder kaum wesentlich gefährdet. Da auch dazu von Yu Yeon Kim sehr deutliche Aussagen kamen, soll sie hier nochmals zitiert werden. Sie schrieb, »Globale Kultur«, die sich im Internet aus der Vielzahl der mit dem Netz verbundenen, einzelnen Individuen, Organisationen, Unternehmen, Regierungen etc. ergibt, impliziere »von ihrem Wesen her Pluralität, aber auch eine Konfluenz von Kulturen, die sich in einem ständigen Prozeß des Kontakts, Austauschs und der Evolution befinden und stark durch die problematische Verknüpfung ihrer jeweiligen Geschichten geprägt sind.«

Sie untermauerte das noch weiter und fügte eine Anmerkung zu ihrem Verständnis von Austausch hinzu: »Moderne 'globale' Kultur ist ein pluralistischer Diskurs, bei dem der Transport (ich zögere, etwas 'Austausch' zu nennen, das durch die Übertragung in einen Prozeß umgewandelt wird) kultureller Ideen vielleicht so stark beschleunigt wurde, das es unsere Fähigkeit übersteigt, sie vernünftig zu assimilieren. Wie dem auch sei, diese Daten werden bei ihrer Ankunft immer gemäß ihrer Relevanz für den Ort übersetzt.«

Pedro Meyer ist sich sicher, daß »... mit der fortschreitenden Ausbreitung des Internet jede kulturelle Vertretung ihre eigene Präsenz im Netz haben wird, jede Gruppe mit ihrer eigenen Sprache und ihren kulturellen Werten sehr präsent sein wird.«

»Globale« Kultur als Referenzsystem
Auch Joana Breidenbach betonte: »Gewisse Produkte, Dienste, Institutionen und Ideen sind globalisiert ... [aber] das bedeutet nicht notwendigerweise, das wir alle homogenisiert und kulturelle Unterschiede ausgelöscht werden. Menschen in aller Welt nehmen globale Einflüsse auf unterschiedlichste Weise auf.«

Interessant und das weitere Nachdenken anregend ist ihre folgende Vermutung: »Ich glaube, wir sind Zeugen der Entstehung einer globalen Kultur, die als ein neues weltweites Referenzsystem zu verstehen ist.« ... »Wir werden nicht alle die gleichen, aber wir artikulieren unsere Unterschiede zunehmend in einer Weise, die von Menschen anderer Kulturen verstanden wird.«

»Die Globalisierung des Konzepts 'Kultur' [hat] zu einem neuen Identitäts-Boom und einem Machtinstrument für Minderheiten geführt« ... »Ich sehe mehr und mehr Belege dafür, daß nicht-westliche Gesellschaften ... die alten hegemonialen Strukturen herausfordern und ihre Beiträge zu den global gültigen Referenzbegriffen leisten.«
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