Haus der Kulturen der Welt Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Forum des Hauses der Kulturen der Welt
 
Auswertung (6) - diskutierte Themen

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Digitaler Diskurs und Marktmechanismen

Wiederholt kam im Forum zur Sprache, daß bei der Nutzung des Internet im Kulturaustausch die in der Eigenart des Mediums angelegten kommerziellen Strukturen sowie die Mechanismen des Marktes überhaupt beachtet werden müssen. Das betrifft insbesondere deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Kulturen, auf Wertbegriffe und auf die künstlerischen und kulturellen Prozesse an sich.

Kommerzielle Strukturen des Internet
Sehr komplex sind die Überlegungen von Yu Yeon Kim zu diesem Thema. In ihrem Statement schrieb sie u.a.: »... Die Tatsache, daß die Essenz des Internet aus Widerspruch und Wandel gebildet wird, läßt für die Zukunft Gutes hoffen. Dennoch denken und arbeiten wir zunehmend innerhalb der Parameter elektronischer Programme, die dafür gedacht sind, ganz bestimmten kommerziellen Anforderungen zu genügen. Das Internet hat endgültig die Art und Weise verändert, in der wir die Verbundenheit unserer Kulturen wahrnehmen, doch die kommerziell ausgerichteten Technologien, die das Navigieren und die Festlegung des Kurses vorgeben, beeinflussen die Art und Weise, in der wir denken, wahrnehmen und uns Wissen aneignen. Die Rolle internationaler Kulturpraktiker sollte darin bestehen, diese Strukturen und Vorhaben so zu untergraben, daß sie ihre Dynamik und ihre Wirkungen preisgeben und erhellen.
     Wenn wir das Internet als einen Kontaktbereich für internationale Kulturen in Betracht ziehen, dann müssen wir auch den verwickelten Lauf der postkolonialen und der neoimperialistischen Werte untersuchen, die durch den westlichen Konsumismus, und damit auch durch die dem Internet zugrundeliegenden Mechanismen vermittelt werden.«

Im ersten Beitrag zur Diskussion meinte Manfred Brönner: »Leider bringt es nichts, sich darüber zu beklagen, daß Kunst und ihre Bemühungen in geschäftliche Interessen eingegliedert und dafür benutzt werden.« Yu Yeon Kim vermutete, daß dieser Satz auf ihr Statement bezogen war, und antwortete: »Mir ging es darum, wie Beziehungen und Sprache im digitalen Diskurs durch die Natur seiner kommerziell orientierten Struktur und Werkzeuge sowie den Markt selbst, der seine technologische Entwicklung vorantreibt, schon in hohem Maße vordefiniert sind. Kritisch und kreativ innerhalb oder in Beziehung zu solch einer Umgebung zu arbeiten, erfordert zumindest die Anerkennung dieser Aspekte.«

Marktplatz / Konsumverhalten
Die zum Start des Forums gestellte Frage, ob das Internet zur Veränderung etablierter Wertsysteme beiträgt, wurde von Coco Fusco eher negativ beantwortet: »Die Mehrzahl der Möglichkeiten zur Interaktion und die Art und Weise, in der Nutzer zu Gruppen zusammengeführt werden, entspricht den Notwendigkeiten eines Marktplatzes, was bedeutet, daß Tätigkeit normalerweise die Form von Konsumtion annimmt, und daß die Leute als Mitglieder des 'Marktes' angesprochen werden, die durch ähnliche Interessen und Geschmacksrichtungen zusammengehalten werden. Dies legt die radikale Überprüfung eingeführter Werte in keiner Weise nahe, ist es doch exakt das Ziel des Pankapitalismus, Freizeitaktivitäten umzuwandeln und die Energien, die einst in politisches Engagement geflossen sind, in Verbraucherverhalten überzuführen.«

Marketing und kulturelle Vielfalt
Vor allem in den letzten drei Wochen kam es zu einer intensiveren Verständigung über den Einfluß der global wirkenden Kräfte des Marktes auf die Kultur und die kulturellen Wertbegriffe. (mehr dazu siehe Globalisierung/globale Kultur)

Nachdem Pedro Meyer geschrieben hatte, »globale Kultur ist ebensowenig möglich, wie man all die Frauen und Männer der Welt dazu bringen könnte, gleich zu denken«, pflichtete ihm Sam im Prinzip bei, fügte jedoch hinzu: »... aber was mich beunruhigt ist, daß die Marketing-Kräfte (nicht die Markt-Kräfte) so effektiv in ihren weltweiten Kampagnen sind ...« Polemisch zugespitzt folgerte er daraus: »Und kulturelle Vielfalt muß weiter diskutiert werden - oder ist es die Vielfalt der Konsumenten, die weiter zu diskutieren ist?«

Damit war der Startschuß für eine Debatte über Werbestrategien gegeben. Pedro Meyer glaubt nicht, daß diese zu einer Homogenisierung der Kulturen führen: »Jede Kampagne hat sich auf die Besonderheiten einer jeden Kultur, Altersgruppe, Geschlecht etc. etc. einzustellen.« Auch hinsichtlich der Herstellung von Produkten stimmt es nicht, daß wir uns auf eine Ära des »ein Format paßt allen« hin bewegen. Die Geschäftswelt hat gar kein Interesse daran, »den Planeten mit den gleichen Werten für alle zu überziehen.« Wenn das Internet so stark für die Werbung genutzt wird, »so deshalb, weil es einen früher nie erahnten Grad an Individualisierung der Konsumption erlauben wird. Und das kann nicht geschehen, wenn nicht auch die kulturellen Werte berücksichtigt werden.«

Nicht weiter diskutiert wurde die Aufforderung von Sam: »Als marginalisierte Produzenten von Inhalt ... sollten wir eine segmentierte Werbestrategie entwickeln, wenn wir irgendwie mit dem Inhalt der Massenunterhaltung konkurrieren wollen.«
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