Haus der Kulturen der Welt Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Forum des Hauses der Kulturen der Welt
 
Auswertung (5) - diskutierte Themen

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Kulturelle Praxis im Internet

Zugang zum Internet
Wenn über die Nutzung des Internet in Afrika, Asien/Pazifik und Lateinamerika debattiert wird, kommen unweigerlich die gegenwärtigen Zugangsbeschränkungen zur Sprache. Darauf gingen in unserem Forum z.B. Armin Medosch und Sue Williamson näher ein. Williamson schrieb u.a.: »Von vielen Künstlern in Südafrika, die nicht einmal das Geld haben, sich die grundlegenden Materialien für ihre Arbeit zu beschaffen, wird das Internet noch immer als heillos elitär angesehen.«

So wichtig es ist, sich dieses Problems bewußt zu sein, so richtig ist ebenso, was einige Teilnehmer meinten: man solle weniger den aktuellen Zustand beklagen, als sich vielmehr intensiver über die schon vorhandenen Möglichkeiten und die Potentiale der Nutzung des Internet in der Zukunft verständigen. Denn auch in den weniger entwickelten Regionen der Welt breitet sich das Medium zunehmend aus. »Das enorme Tempo, in dem seine Demographie sich in den letzten paar Jahren verändert hat, ist dafür ein erhellendes Anzeichen.« (Olu Oguibe)

Neue Vermittlungsstrukturen?
Mit dem Internet ist erstmals überhaupt ein Medium entstanden, über das eigenen Inhalte - zumindest potentiell - einem millionenfachen Publikum nähergebracht werden könnten. Eine der zu Beginn des Forums gestellten Fragen war, ob es damit möglich geworden ist, die etablierten Vermittlungsstrukturen, d.h. die ausschließenden Mechanismen des dominanten Kunst- und Kulturbetriebs, zu umgehen. Kann das Internet dazu beitragen, die Dichotomie zwischen »kuratierten und kuratierenden Kulturen« zu überwinden?

Zu den vielen Teilnehmern, die sich zu diesem Thema äußerten, gehört Beral Madra aus Istanbul: »Zumindest haben die Intellektuellen der kuratierten Kulturen jetzt ein Medium, um die Sanktionen, die ihnen von den kuratorialen Kräften auferlegt werden, zu diskutieren und öffentlich zu machen. ... Ich habe sehr hart daran gearbeitet, mich und mein Kunstzentrum in der internationalen Kunstszene bekanntzumachen und die Vorurteile westlicher Institutionen auszuräumen. Dieser Prozeß beschleunigte sich, seit ich meine eigene Website hatte.«

Allerdings sollten die Erwartungen an die Erweiterung des eigenen Aktionsraumes nicht zu hoch sein. Coco Fusco schrieb, Künstler »sehen sich vor das Problem gestellt, wie sie in einem überwältigend großen virtuellen Raum das Publikum erreichen können, wenn riesige kommerzielle Gefüge den Vorteil besitzen, Kanäle zu kontrollieren, die die Nutzer des Internet mit den Diensten und Einheiten, die sie interessieren, in Verbindung bringen. All dies besagt nur, daß es äußerst schwierig ist, die hegemonialen vereinigten Kontrollen des Internet zu durchbrechen.«

Rückwirkungen auf »realen« Kunstbetrieb?
Zur Frage, inwieweit sich über das Internet Rückwirkungen auf den »realen« Kunstbetrieb erzielen lassen, äußerte sich u.a. Gilane Tawadros, Direktorin des Institute of International Visual Arts (inIVA) in London. Sie glaubt nicht, daß die überkommenen Wertesysteme dadurch wesentlich verändert werden können. »Nicht so lange die Galerie und das Kunstjournal die hauptsächlichen Orte für die Verbreitung und Legitimierung von Kunstwerken und von kulturellen Werten bleiben. Es mag ja tatsächlich im Netz zu einer starken Vermehrung der Diskussionen, Kunstwerke und Interaktionen unter den Künstlern, Kuratoren und Kunstkritikern aus allen Teilen der Welt gekommen sein. Und das ist für die Verschiebung des kulturellen Augenmerks aus dem Zentrum heraus außerordentlich wichtig. Aber noch geraume Zeit werden diese Diskussionen, Kunstwerke und Interaktionen für die etablierte Kunstwelt marginal bleiben. Die entscheidende Frage ist nicht, wie diese Konversationen im Netz den 'Status quo' der etablierten Kunstwelt verschieben, sondern wie solche Cybernetzwerke einen anderen Raum schaffen, in dem Ideen und Bilder in fließender, dynamischer und offener Weise ausgetauscht werden können - im Gegensatz zu den konventionellen Räumen der Kunstwelt, die zunehmend engstirnig, konservativ und marktorientiert werden.«

Kunst im Netzraum
Im Forum sind zwar zahlreiche Projekte vorgestellt worden, doch gab es noch relativ wenig Austausch über die Spezifik der Kunst im Netz. Meist drehte es sich dabei um das Internet als Raum für künstlerische Aktivität in einem allgemeineren Sinne.

Kim Machan äußerte sich dazu im Zusammenhang mit dem von ihr geleiteten Festival MAAP (Multimedia Art Asia Pacific, in Brisbane, Australien) und dem dabei entstandenen kulturübergreifenden Netzwerk. »Der aktive Raum des Internet ist ein rückwirkender, wandelbarer, für kreative Dialoge offener. Die Künstler haben tatsächlich eine große Macht über ihren eigenen Netz-Raum, nicht allein durch die Kontrolle des Designs, sondern auch weil sie vielen Kuratoren, die sich in diesen Bereich begeben, technologisch überlegen sind.«

Pedro Meyer widmete dem Thema Netzkunst größere Aufmerksamkeit, als er darüber nachdachte, was »ZoneZero«, das von ihm geschaffene Fotografie-Zentrum im Internet, eigentlich ist: »ein Magazin? ... eine Galerie? oder ein Museum? oder eine Bibliothek? oder ein Buchladen? oder Buch? oder ein Kulturzentrum? Das sind alles Metaphern unserer analogen Welt, die unserer Anatomie irgendwie doch nicht angemessen sind ...« »Wenn Marcel Duchamp ein Pissoir zur Kunst erklärte, was hindert mich daran, ZoneZero ebensogut zum Kunstwerk zu erklären?« Zahlreiche Websites, die als Kunst daherkommen, findet Meyer völlig langweilig. Die vielen mit Hilfe von Photoshop-Filtern erstellten Effekte sind glänzend. »Aber sind sie wirklich Kunst? Sind wir jetzt nicht alle zu Künstlern geworden? Ist es nicht nötig, das traditionelle Verständnis von Kunst einer ernsthaften Revision zu unterziehen?«

José Tlatelpas meinte, daß »die im Web publizierte Kunst und Kultur für sich genommen keine andere Kultur und Kunst ist. Das Web ist ein Medium, um kulturelle Produkte und Dienstleistungen zu verbreiten, und dabei beeinflußt es wohl deren Entwicklung, Stil und Weg, aber nicht ihr Wesen.«

Networking
Eine weitere Frage zum Start des Forums war die nach dem konkrete Nutzen von Kulturnetzwerken im Internet. Auch dazu wurden einige interessante Beispiele gebracht, wie »Culturelink«, ein »Netzwerk der Netzwerke für Forschung und Kooperation in der kulturellen Entwicklung«, vorgestellt von Aleksandra Ivir, oder das »Komitee für Kulturelle Vielfalt« der ISEA (Inter-Society for the Electronic Arts), präsentiert von Cynthia B. Rubin.

Zu diesem Punkt hätte man sich aber erheblich mehr und auch stärker praxisbezogenen Erfahrungsaustausch gewünscht, denn das Networking hat für die Interaktion im Netz eine grundlegende Bedeutung. Das betrifft sowohl die institutionelle Zusammenarbeit als auch den informellen Bereich. So schrieb Cynthia B. Rubin in ihrem Beitrag zu Internet Communities: »Um den Raum für alternative Stimmen im Internet zu sichern, müssen wir aktiv für den Aufbau neuer Gemeinschaften von unabhängigen Künstlern, Theoretikern und Kuratoren arbeiten.«

Von José Tlatelpas kam die Feststellung, daß »die Grundlagen der Diskussion noch immer auf der Interaktivität zwischen der westlichen Welt und dem 'Süden' beruhen... Ich denke, das ist nicht der Kern des Problems. Was ist mit den Beziehungen zwischen Afrika und Lateinamerika... zwischen Asien und Native Amerika...?« Sicher wäre es wichtig, sich in der weiteren Debatte intensiver mit der sogenannten »horizontalen« Kommunikation und Interaktion im Netz zu beschäftigen.

Ravi Sundaram äußerte sich zu diesem Thema in seinem Statement: »Der politische Impuls, der von einem kulturellen Dialog der Dritten Welt ausginge, wäre so relevant wie noch nie. Die Fragen müssen allerdings neu gestellt werden, außerhalb der Rhetorik von Staatslenkern und globalen Polizisten der Kulturpolitik. Eine kritische Kommunikation innerhalb der Dritten Welt wurde durch das alte System von Souveränität (das Staaten privilegierte) immer behindert. Mit dem Netz ist es für uns möglich, auf einer regelmäßigen kritischen Basis miteinander zu sprechen. Es ist eine billige Technologie der Übersetzung, aber unsere Werkzeuge des Dialogs sollten die periphere Natur unserer Gesellschaften berücksichtigen und die zeitliche Beschleunigung der Metropole ablehnen, nicht durch die alte Rhetorik, sondern durch Bescheidenheit und Intelligenz.«
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