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Fragilität serverbasierter Information

In einem der ersten Postings beklagte Pat Binder das Verschwinden der Website der 2. Biennale von Johannesburg aus dem Netz. Nach anfänglichen Mißdeutungen nahm Olu Oguibe das zum Anlaß, um auf die Anfälligkeit digitaler Information als einen der großen Nachteile des Austauschs via Internet hinzuweisen.

Traditionelle Kontrollstrukturen bleiben erhalten
Oguibe schrieb: »Während viele die Macht des Internet gelobt haben, die Information aus den Händen der traditionellen Kontrollstrukturen zu nehmen, haben wir oft ignoriert, daß auch das Gegenteil sehr wahr ist; daß serverbasierte Information durch ihre ureigene Natur der Gnade derjenigen unterworfen ist, die die realen Orte kontrollieren, und der Individuen, welche die Server unter Kontrolle haben.«

Anreicherung des WWW als kulturelle Aufgabe
Gerhard Haupt fügte hinzu, es ginge dabei »nicht nur um bewußte Interventionen im Sinne von Zensur, sondern in noch viel größerem Maße um eine weit verbreitete Ignoranz von Institutionen gegenüber dem Einsatz des Netzes«. So werden Netzpräsentationen allzu häufig nur als ein temporäres Element der Öffentlichkeitsarbeit zu bestimmten Veranstaltungen (Ausstellungen, Festivals etc.) gesehen und nach deren Ende wieder vom Server genommen. Viele von denen, die die Macht hätten, die so euphorisch gepriesene virtuelle Bibliothek mit Inhalten zu füllen, sind sich ihres enorm wichtigen kulturellen Auftrags offenbar nicht bewußt.

Falsches Verständnis des Internet?
Angesichts dieser Ausführungen schien es Harald A. Friedl »ernstzunehmende Mißverständnisse hinsichtlich der Struktur und Funktion des Internet« zu geben. »Das Bild der 'Fragilität des Internet' entspricht eigentlich nicht seiner technischen Struktur und seinem funktionalen Prozeß.« »Wenn plötzlich eine (wichtige?) Website verschwindet, so ist dieses Phänomen doch nur normal - oder eben typisch für das Internet: für sein permanentes Wachsen, die unendliche Entwicklung neuer Zentren, durch neue Links verbundene Webs, die kommen und gehen.«

Naief Yehya ging noch weiter: »...den Inhalt des Netzes in einer Art dauerhafter Dateien zu bewahren, ist ein Prozeß, der nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt selbst in Mitleidenschaft zieht.« ... »Wenn wir einen Mechanismus entwickeln, um einige seiner Inhalte zu bewahren, werden wir andere diskriminieren und unsere eigenen Kriterien für die Bewahrung von Informationen anwenden.«

Verfügbarkeit von Informationen sichern
Wie auch immer man den ureigenen Charakter des Netzes beurteilen mag, so ist doch unbestreitbar, daß es von der überwiegenden Zahl seiner Nutzer durchaus als virtuelle Bibliothek aufgefaßt wird. Die meisten Informationen lassen sich über das Internet viel leichter als auf anderen Wegen (etwa über »reale« Publikationen) beschaffen. Auch im Falle der Kunst und Kultur Afrikas, Asiens/Pazifik und Lateinamerikas sind bestimmte Netzpräsentationen oftmals überhaupt die einzigen Quellen zu den jeweiligen Themen.

Deshalb kam von Oguibe energischer Widerspruch: »... die Tatsache, daß die inhärente Fehlbarkeit des Internet 'normal' ist, ist für sich noch kein Grund, die Suche nach Mitteln aufzugeben, die bedeutende kulturelle Informationen leicht verfügbar machen.« Man sollte sich deshalb über Rückgreifmöglichkeiten und Alternativen für wichtige Informationen verständigen, wie etwa: zusätzliche Spiegel-Sites, Site-Downloads, Überwachung, Ausdrucke, Alternativen zu offiziellen Sites. »Anfragen müssen an Institutionen gerichtet werden, wenn Sites und Seiten, die wir für wichtig halten, aus der Öffentlichkeit entfernt werden.« Gerhard Haupt fragte, ob es sinnvoll wäre, ein Alarmnetzwerk für »bedrohte Websites« einzurichten.

Copyright
Haupt wies allerdings auch auf zu klärende rechtliche Aspekte bei Übernahmen von Websites hin, die von Institutionen angeboten und wieder vom Server genommen wurden: »Wie verhält es sich dabei mit dem Copyright der Institutionen, die diese Sites finanziert haben? Und welches Autorenrecht haben diejenigen, die die Inhalte und Gestaltungen erstellen, selbst wenn ihre Arbeit von einer Institution bezahlt wird?«
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