Haus der Kulturen der Welt Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Forum des Hauses der Kulturen der Welt
 
Auswertung (3) - diskutierte Themen

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Teilnahme an Netz-Foren

Aus den Äußerungen von Teilnehmern zur Beteiligung an unserem Forum und eigenen Beobachtungen lassen sich Schlüsse ziehen, die für diese Form der Kommunikation im Netz an sich interessant sind:

Zeitmangel
Als Hauptgrund für das Ausbleiben von Diskussionsbeiträgen wurde Zeitmangel genannt. Tatsächlich stehen gerade die aktivsten Macher und Theoretiker durch die Vielzahl ihrer Verpflichtungen unter dem größten Arbeitsdruck. Viele von ihnen halten sich offenbar lieber zurück, wenn sie nicht genügend Zeit finden, einen Beitrag zu schreiben, der ihren eigenen hohen Ansprüchen entspricht. Doch bei Netz-Foren sind ausgefeilte Essays überhaupt nicht erforderlich. Es wäre schon eine Bereicherung der Debatte, wenn Erfahrungen und Kenntnisse zumindest in kurzen Äußerungen eingebracht würden.

Sprachbarriere
Für Teilnehmer, die nicht aus dem englischsprachigen Bereich kommen, ist es ein großes Handicap, daß die Diskussion in Englisch stattfindet. Im Interesse einer möglichst breiten Kommunikation haben wir uns dennoch für diese von der Mehrzahl der Internet-Nutzer gesprochene Sprache entschieden. Sicher mag es schwerfallen, sprachlich bedingte Hemmungen zu überwinden, wenn die Wortführer eines solchen Forums eloquente Spezialisten mit perfekten Englischkenntnissen sind. Hier ist allerdings mehr Selbstbewußtsein angebracht, denn schließlich geht es weniger um die grammatikalische Richtigkeit als vielmehr um den Kern einer Aussage. Mehrere Teilnehmer des Forums haben bewiesen, daß man sich auch mit begrenztem Vokabular sehr aktiv an einer solchen Debatte beteiligen kann.

Schweigende Mehrheit
Wie bei »realen« Konferenzen, so ist es auch bei Netz-Foren und Newsgroups völlig normal, daß viele nur eben mal reinschauen und/oder die ganze Zeit in der Rolle von passiven Beobachtern bleiben. Im Netzjargon werden sie »lurkers« (Laurer, Schleicher) genannt, wobei dem Begriff nicht unbedingt eine negative Bedeutung anhaftet. Bemerkenswert erscheint, daß die Fluktuation in unserer Mailingliste relativ gering war. Wer sich erst einmal eingeschrieben hatte, blieb dann in der Regel auch in der Liste.

Ohne Austausch kein Forum
Allerdings erfüllt sich der Sinn eines solchen Forums erst, indem man miteinander kommuniziert. Das ist natürlich eine Binsenweisheit, doch scheinen deren Konsequenz und die Chancen dieser Form des Austauschs nicht jedem bewußt zu sein. Nicht umsonst schrieb Olu Oguibe: »Obwohl es wie ein Klischee klingen mag, glaube ich noch immer daran, daß einer der fundamentalen Erfolge des Internet in der Gelegenheit besteht, vielfältige Stimmen und Perspektiven ... interaktiv und gemeinsam zustande zu bringen, statt uns auf die paar 'Experten' oder 'Autoritäten' zu verlassen, die die Gelegenheit oder Geduld haben, alles im nächsten, endgültigen Buch zum Thema niederzuschreiben, oder die über die Mittel und Zeit verfügen, an nur eingeschränkt zugänglichen Konferenzen teilzunehmen.«

Präsentation von Projekten
Noch einmal soll Olu Oguibe zitiert werden: »Meine eigene Erwartung ist, daß dieses Forum Geschichten über praktische Erfolge im Kulturaustausch via Internet hervorbringt, neue Ideen für praktische Strategien und Projekte sowie auch theoretische Untersuchungen von Lektionen, die existierende Projekte und Beispiele geben, und daß die Möglichkeiten und Implikationen verschiedener Strategien, Ideen und Vorschläge diskutiert werden. ... Ein Forum wie dieses ist eine Gelegenheit, sich über solche Lektionen auszutauschen, aber auch Aspekte des Erfolgs oder der Unzulänglichkeiten kollektiv zu untersuchen, die den direkt Involvierten nicht klar sein mögen.«

Tatsächlich sind im Laufe des Forums viele solcher Projekte und Aktivitäten im Netz vorgestellt und eigene Erfahrungen erläutert worden. Bislang gab es dazu jedoch kaum Diskussionen. In der Regel blieb es bei einer informierenden Selbstdarstellung.

Psychologie der Interaktion
Ricardo Basbaum analysierte die psychologischen Mechanismen in Netz-Foren: »Was für eine Psychologie ist mit dieser begrenzten Art der Interaktion verbunden? ... die Mehrzahl der Messages konzentriert sich darauf, sich selbst zu beschreiben - in Selbst-Erklärungen mit der Absicht, sich vorzustellen. Sollen wir deswegen von ... Narzismus sprechen? ... Was diese Interaktion für jedermann so angenehm macht, ist das Gefühl eines weiten und offenen Raumes in den wir uns selbst einbringen können, in dem wir uns frei fühlen, das auszudrücken, was wir tun, wer wir sind, was unsere Auffassungen sind etc. Ist das Internet also ein Raum, um die Individualität zu entfalten?« Im WWW wetteifern die Sites in einer Art von »Verführungsspiel« um Aufmerksamkeit. Und so interessiert Basbaum auch an diesem Forum »die Möglichkeit, uns selbst in einem neuen Kommunikations-Spiel zu üben.« Dabei erfinden wir »neue Praktiken der Verführung und Kommunikation, ... eine neue Psychologie, die die alten Kräfte der Anziehung, Ablehnung, Gruppenbildung etc. in Verbindung mit neuen Mitteln, einer neuen Pragmatik, einschließt (und verändert).«

Cristina Ferran Jadick fügte hinzu: »Wenn wir das Internet für die Kommunikation miteinander nutzen, haben wir nicht die üblichen visuellen (Gestik, Gesichtsausdruck, Körpersprache) und oralen ... Mittel zur Verfügung. Deshalb dient die autobiographische Information im Netz ... als ein funktionales Äquivalent..., indem sie uns den Hintergrund dafür gibt, eine Perspektive zu entwickeln, aus der wir die Worte interpretieren, die wir lesen.«

Wie Pedro Meyer unterstrich, braucht man eine Menge Zeit, »um solche gegenseitigen, reziproken und multidimensionalen Dialoge zu entwickeln.« Deshalb ist es sehr wichtig, daß dieses Forum verlängert wurde.

Neue Projektvorschläge
In dieser ersten Phase des Forums wurden zunächst noch recht vage neue Projekte und Aktivitäten angeregt, über man sich während der Fortsetzung weiter austauschen sollte:

Leandro Katz meinte, eine gesonderte Sektion des Forums sollte dem Networking und dem Informationsaustausch zu praktischen Aspekten gewidmet sein.

José Tlatelpas unterbreitete den Vorschlag, ein »internationales Netzwerk alternativer Kulturorganisationen im Web« zu schaffen.

Sam de Silva hätte gern eine Ausstellung, »durch die wir künstlerisch oder auf andere Weise ausdrücken können, was wir denken? ... Vielleicht könnte sie auch Teil einer physischen Konferenz/Veranstaltung sein...«

Britta Erickson schlug dem Haus der Kulturen der Welt vor, eine »Internet-Ausstellung zu den Auswirkungen der Internet- bzw. schnellen Kommunikation auf die Weltkultur« auszurichten. Die Leitung des HKW hat diese Idee mit großem Interesse zur Kenntnis genommen und wird sich dazu noch äußern.
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