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Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin

Zwischenauswertung

Auswertung der ersten Phase des Forums:
12. Oktober bis 22. Dezember 1998



Vorbemerkungen

In dieser Zwischenauswertung sind der bisherige Verlauf und einige der wichtigsten Themen der Debatte zusammengefaßt. Es kann leider nicht die ganze Breite der angeschnittenen Fragen und Probleme, der geäußerten Gedanken und vorgestellten Erfahrungen und Projekte berücksichtigt werden. Wer sich dafür genauer interessiert, sollte die 10 Statements, die 9 Wochenrückblicke und natürlich die archivierten Einzelbeiträge lesen (Zugang über Dokumentation).
Die Auswahl der diskutierten Themen und damit verbundenen Aussagen konzentriert sich auf solche, die hinsichtlich der Fragestellungen des Forums besonders signifikant erscheinen oder im weiteren Verlauf der Debatte noch ausgiebiger erörtert werden sollten. Zwischen den thematischen Komplexen gibt es vielfältige Querverbindungen und Überschneidungen, die hier kaum entsprechend deutlich gemacht werden können.
Alle Autoren seien um Verständnis dafür gebeten, daß Zitate aus dem Gesamtzusammenhang der Beiträge genommen werden mußten, um bestimmte Kernaussagen zu einzelnen Themen herauszustellen. In jedem Falle führen Links direkt zu den jeweiligen Postings oder Statements.
Die Auswertung wurde von Gerhard Haupt, dem Projektleiter des Forums, verfaßt.


Teilnehmer und Beiträge - einige Zahlen

In den ersten 10 Wochen hatten sich insgesamt ca. 230 Personen aus über 35 Ländern in die Diskussionsliste eingeschrieben. Zu Beginn der Pause waren noch 205 von ihnen darin verblieben, es gab also relativ wenig Austritte. Auch in der Folgezeit trugen sich weitere Interessenten ein. Bei der Fortsetzung der Debatte am 31. März 1999 gehörten 272 Mitglieder aus über 40 Ländern der Mailingliste an.
Einschließlich der Autoren der 10 einführenden Statements beteiligten sich 56 Personen mit insgesamt 134 Beiträgen aktiv am Forum. Es wurden 9 Wochenrückblicke in deutsch, englisch und spanisch sowie einige weitere Artikel veröffentlicht (siehe Dokumentation mit dem Archiv aller Beiträge des vergangenen Jahres). Die Texte auf der Website sind auch als Emails abrufbar.



Verlauf der Debatte

Vorbereitung

Die Vorbereitung des Forums begann mit einer ausgiebigen Recherche im Netz, um festzustellen, welche Themen und Fragen für die Diskussion interessant sein könnten. Ein Teil der dabei gefundenen Websites ist in die Linkverzeichnisse aufgenommen worden. Zahlreiche Medienexperten, Herausgeber von Kulturwebsites und Webzines, Leiter und Angehörige von Kulturinstitutionen und -organisationen, Künstler, Kritiker, Kuratoren, Journalisten etc. in aller Welt wurden vom Projektleiter direkt zur Beteiligung eingeladen (es wurden über 1.200 Emails mit solchen Einladungen verschickt). Dank der Pressearbeit des Hauses der Kulturen der Welt widmeten vor allem die in Berlin ansässigen Medien der Veranstaltung schon vorab große Aufmerksamkeit.

Schleppender Beginn

Zum Start des Forums gingen 10 einführende Statements und ein Posting mit Fragen an die Mitglieder der Mailingliste. Natürlich mußte die Fülle dieses Materials erst einmal gelesen werden. Doch die relativ geringe Zahl der in den ersten vier Wochen eintreffenden Diskussionsbeiträge war besorgniserregend. Olu Oguibe schrieb am 11. November: »Es ist ziemlich enttäuschend für mich, daß dieses Forum noch nicht das Niveau der aktiven Teilnahme erreicht hat, das ... eigentlich zu erwarten wäre. Wenn man die Teilnehmerliste durchgeht, verblüfft es einen schon sehr, daß bei so vielen aktiv im Kulturaustausch via Internet engagierten Individuen und Gruppen nicht mehr Diskussion, mehr Austausch ... stattfindet.«
Die anfängliche Zurückhaltung ist jedoch nicht auf fehlendes Interesse zurückzuführen. Wie stark dieses war, konnte zum Beispiel am schnellen Anwachsen der Mailingliste, am Besuch der Website, den vielen Email-Abrufen von Texten und den täglich beim Projektleiter eintreffenden Mails mit positivem Feedback bemerkt werden.

Debatte kam in Schwung

Im Zuge einer Verständigung über den schleppenden Beginn (siehe diskutierte Themen - Teilnahme an Netz-Foren) und auch angesichts des ursprünglich für Anfang Dezember angekündigten Endes des Forums kam die Debatte schließlich in Gang. In den letzten Wochen dieser ersten Phase trafen des öfteren bis zu 6 Beiträge an einem Tag ein. Bemerkenswert ist der zunehmend persönliche Ton in den Mails. Das Forum ist zumindest für eine Reihe der Teilnehmer zur Schaltstelle eines Informationsaustauschs geworden, der sich auch außerhalb der eigentlichen Debatte fortsetzte.
Letztendlich beteiligte sich immerhin ein Viertel der Mitglieder der Mailingliste aktiv am Forum. Wiederholt sind das hohe Niveau der Beiträge und die Fülle der veröffentlichten Inhalte gelobt worden.

Verlängerung des Forums

Auf Grund des regen Interesses und des ausdrücklichen Wunsches vieler Teilnehmer entschied die Leitung des Hauses der Kulturen der Welt, das Forum zunächst bis Ende Dezember und dann nach einer Pause 1999 weiterzuführen.



Diskutierte Themen: Teilnahme an Netz-Foren

Aus den Äußerungen von Teilnehmern zur Beteiligung an unserem Forum und eigenen Beobachtungen lassen sich Schlüsse ziehen, die für diese Form der Kommunikation im Netz an sich interessant sind:

Zeitmangel

Als Hauptgrund für das Ausbleiben von Diskussionsbeiträgen wurde Zeitmangel genannt. Tatsächlich stehen gerade die aktivsten Macher und Theoretiker durch die Vielzahl ihrer Verpflichtungen unter dem größten Arbeitsdruck. Viele von ihnen halten sich offenbar lieber zurück, wenn sie nicht genügend Zeit finden, einen Beitrag zu schreiben, der ihren eigenen hohen Ansprüchen entspricht. Doch bei Netz-Foren sind ausgefeilte Essays überhaupt nicht erforderlich. Es wäre schon eine Bereicherung der Debatte, wenn Erfahrungen und Kenntnisse zumindest in kurzen Äußerungen eingebracht würden.

Sprachbarriere

Für Teilnehmer, die nicht aus dem englischsprachigen Bereich kommen, ist es ein großes Handicap, daß die Diskussion in Englisch stattfindet. Im Interesse einer möglichst breiten Kommunikation haben wir uns dennoch für diese von der Mehrzahl der Internet-Nutzer gesprochene Sprache entschieden. Sicher mag es schwerfallen, sprachlich bedingte Hemmungen zu überwinden, wenn die Wortführer eines solchen Forums eloquente Spezialisten mit perfekten Englischkenntnissen sind. Hier ist allerdings mehr Selbstbewußtsein angebracht, denn schließlich geht es weniger um die grammatikalische Richtigkeit als vielmehr um den Kern einer Aussage. Mehrere Teilnehmer des Forums haben bewiesen, daß man sich auch mit begrenztem Vokabular sehr aktiv an einer solchen Debatte beteiligen kann.

Schweigende Mehrheit

Wie bei »realen« Konferenzen, so ist es auch bei Netz-Foren und Newsgroups völlig normal, daß viele nur eben mal reinschauen und/oder die ganze Zeit in der Rolle von passiven Beobachtern bleiben. Im Netzjargon werden sie »lurkers« (Laurer, Schleicher) genannt, wobei dem Begriff nicht unbedingt eine negative Bedeutung anhaftet. Bemerkenswert erscheint, daß die Fluktuation in unserer Mailingliste relativ gering war. Wer sich erst einmal eingeschrieben hatte, blieb dann in der Regel auch in der Liste.

Ohne Austausch kein Forum

Allerdings erfüllt sich der Sinn eines solchen Forums erst, indem man miteinander kommuniziert. Das ist natürlich eine Binsenweisheit, doch scheinen deren Konsequenz und die Chancen dieser Form des Austauschs nicht jedem bewußt zu sein. Nicht umsonst schrieb Olu Oguibe: »Obwohl es wie ein Klischee klingen mag, glaube ich noch immer daran, daß einer der fundamentalen Erfolge des Internet in der Gelegenheit besteht, vielfältige Stimmen und Perspektiven ... interaktiv und gemeinsam zustande zu bringen, statt uns auf die paar 'Experten' oder 'Autoritäten' zu verlassen, die die Gelegenheit oder Geduld haben, alles im nächsten, endgültigen Buch zum Thema niederzuschreiben, oder die über die Mittel und Zeit verfügen, an nur eingeschränkt zugänglichen Konferenzen teilzunehmen.«

Präsentation von Projekten

Noch einmal soll Olu Oguibe zitiert werden: »Meine eigene Erwartung ist, daß dieses Forum Geschichten über praktische Erfolge im Kulturaustausch via Internet hervorbringt, neue Ideen für praktische Strategien und Projekte sowie auch theoretische Untersuchungen von Lektionen, die existierende Projekte und Beispiele geben, und daß die Möglichkeiten und Implikationen verschiedener Strategien, Ideen und Vorschläge diskutiert werden. ... Ein Forum wie dieses ist eine Gelegenheit, sich über solche Lektionen auszutauschen, aber auch Aspekte des Erfolgs oder der Unzulänglichkeiten kollektiv zu untersuchen, die den direkt Involvierten nicht klar sein mögen.«
Tatsächlich sind im Laufe des Forums viele solcher Projekte und Aktivitäten im Netz vorgestellt und eigene Erfahrungen erläutert worden. Bislang gab es dazu jedoch kaum Diskussionen. In der Regel blieb es bei einer informierenden Selbstdarstellung.

Psychologie der Interaktion

Ricardo Basbaum analysierte die psychologischen Mechanismen in Netz-Foren: »Was für eine Psychologie ist mit dieser begrenzten Art der Interaktion verbunden? ... die Mehrzahl der Messages konzentriert sich darauf, sich selbst zu beschreiben - in Selbst-Erklärungen mit der Absicht, sich vorzustellen. Sollen wir deswegen von ... Narzismus sprechen? ... Was diese Interaktion für jedermann so angenehm macht, ist das Gefühl eines weiten und offenen Raumes in den wir uns selbst einbringen können, in dem wir uns frei fühlen, das auszudrücken, was wir tun, wer wir sind, was unsere Auffassungen sind etc. Ist das Internet also ein Raum, um die Individualität zu entfalten?« Im WWW wetteifern die Sites in einer Art von »Verführungsspiel« um Aufmerksamkeit. Und so interessiert Basbaum auch an diesem Forum »die Möglichkeit, uns selbst in einem neuen Kommunikations-Spiel zu üben.« Dabei erfinden wir »neue Praktiken der Verführung und Kommunikation, ... eine neue Psychologie, die die alten Kräfte der Anziehung, Ablehnung, Gruppenbildung etc. in Verbindung mit neuen Mitteln, einer neuen Pragmatik, einschließt (und verändert).«
Cristina Ferran Jadick fügte hinzu: »Wenn wir das Internet für die Kommunikation miteinander nutzen, haben wir nicht die üblichen visuellen (Gestik, Gesichtsausdruck, Körpersprache) und oralen ... Mittel zur Verfügung. Deshalb dient die autobiographische Information im Netz ... als ein funktionales Äquivalent..., indem sie uns den Hintergrund dafür gibt, eine Perspektive zu entwickeln, aus der wir die Worte interpretieren, die wir lesen.«
Wie Pedro Meyer unterstrich, braucht man eine Menge Zeit, »um solche gegenseitigen, reziproken und multidimensionalen Dialoge zu entwickeln.« Deshalb ist es sehr wichtig, daß dieses Forum verlängert wurde.

Neue Projektvorschläge

In dieser ersten Phase des Forums wurden zunächst noch recht vage neue Projekte und Aktivitäten angeregt, über man sich während der Fortsetzung weiter austauschen sollte:
Leandro Katz meinte, eine gesonderte Sektion des Forums sollte dem Networking und dem Informationsaustausch zu praktischen Aspekten gewidmet sein.
José Tlatelpas unterbreitete den Vorschlag, ein »internationales Netzwerk alternativer Kulturorganisationen im Web« zu schaffen.
Sam de Silva hätte gern eine Ausstellung, »durch die wir künstlerisch oder auf andere Weise ausdrücken können, was wir denken? ... Vielleicht könnte sie auch Teil einer physischen Konferenz/Veranstaltung sein...«
Britta Erickson schlug dem Haus der Kulturen der Welt vor, eine »Internet-Ausstellung zu den Auswirkungen der Internet- bzw. schnellen Kommunikation auf die Weltkultur« auszurichten. Die Leitung des HKW hat diese Idee mit großem Interesse zur Kenntnis genommen und wird sich dazu noch äußern.



Diskutierte Themen: Fragilität serverbasierter Information

In einem der ersten Postings beklagte Pat Binder das Verschwinden der Website der 2. Biennale von Johannesburg aus dem Netz. Nach anfänglichen Mißdeutungen nahm Olu Oguibe das zum Anlaß, um auf die Anfälligkeit digitaler Information als einen der großen Nachteile des Austauschs via Internet hinzuweisen.

Traditionelle Kontrollstrukturen bleiben erhalten

Oguibe schrieb: »Während viele die Macht des Internet gelobt haben, die Information aus den Händen der traditionellen Kontrollstrukturen zu nehmen, haben wir oft ignoriert, daß auch das Gegenteil sehr wahr ist; daß serverbasierte Information durch ihre ureigene Natur der Gnade derjenigen unterworfen ist, die die realen Orte kontrollieren, und der Individuen, welche die Server unter Kontrolle haben.«

Anreicherung des WWW als kulturelle Aufgabe

Gerhard Haupt fügte hinzu, es ginge dabei »nicht nur um bewußte Interventionen im Sinne von Zensur, sondern in noch viel größerem Maße um eine weit verbreitete Ignoranz von Institutionen gegenüber dem Einsatz des Netzes«. So werden Netzpräsentationen allzu häufig nur als ein temporäres Element der Öffentlichkeitsarbeit zu bestimmten Veranstaltungen (Ausstellungen, Festivals etc.) gesehen und nach deren Ende wieder vom Server genommen. Viele von denen, die die Macht hätten, die so euphorisch gepriesene virtuelle Bibliothek mit Inhalten zu füllen, sind sich ihres enorm wichtigen kulturellen Auftrags offenbar nicht bewußt.

Falsches Verständnis des Internet?

Angesichts dieser Ausführungen schien es Harald A. Friedl »ernstzunehmende Mißverständnisse hinsichtlich der Struktur und Funktion des Internet« zu geben. »Das Bild der 'Fragilität des Internet' entspricht eigentlich nicht seiner technischen Struktur und seinem funktionalen Prozeß.« »Wenn plötzlich eine (wichtige?) Website verschwindet, so ist dieses Phänomen doch nur normal - oder eben typisch für das Internet: für sein permanentes Wachsen, die unendliche Entwicklung neuer Zentren, durch neue Links verbundene Webs, die kommen und gehen.«
Naief Yehya ging noch weiter: »...den Inhalt des Netzes in einer Art dauerhafter Dateien zu bewahren, ist ein Prozeß, der nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt selbst in Mitleidenschaft zieht.« ... »Wenn wir einen Mechanismus entwickeln, um einige seiner Inhalte zu bewahren, werden wir andere diskriminieren und unsere eigenen Kriterien für die Bewahrung von Informationen anwenden.«

Verfügbarkeit von Informationen sichern

Wie auch immer man den ureigenen Charakter des Netzes beurteilen mag, so ist doch unbestreitbar, daß es von der überwiegenden Zahl seiner Nutzer durchaus als virtuelle Bibliothek aufgefaßt wird. Die meisten Informationen lassen sich über das Internet viel leichter als auf anderen Wegen (etwa über »reale« Publikationen) beschaffen. Auch im Falle der Kunst und Kultur Afrikas, Asiens/Pazifik und Lateinamerikas sind bestimmte Netzpräsentationen oftmals überhaupt die einzigen Quellen zu den jeweiligen Themen.
Deshalb kam von Oguibe energischer Widerspruch: »... die Tatsache, daß die inhärente Fehlbarkeit des Internet 'normal' ist, ist für sich noch kein Grund, die Suche nach Mitteln aufzugeben, die bedeutende kulturelle Informationen leicht verfügbar machen.« Man sollte sich deshalb über Rückgreifmöglichkeiten und Alternativen für wichtige Informationen verständigen, wie etwa: zusätzliche Spiegel-Sites, Site-Downloads, Überwachung, Ausdrucke, Alternativen zu offiziellen Sites. »Anfragen müssen an Institutionen gerichtet werden, wenn Sites und Seiten, die wir für wichtig halten, aus der Öffentlichkeit entfernt werden.« Gerhard Haupt fragte, ob es sinnvoll wäre, ein Alarmnetzwerk für »bedrohte Websites« einzurichten.

Copyright

Haupt wies allerdings auch auf zu klärende rechtliche Aspekte bei Übernahmen von Websites hin, die von Institutionen angeboten und wieder vom Server genommen wurden: »Wie verhält es sich dabei mit dem Copyright der Institutionen, die diese Sites finanziert haben? Und welches Autorenrecht haben diejenigen, die die Inhalte und Gestaltungen erstellen, selbst wenn ihre Arbeit von einer Institution bezahlt wird?«



Diskutierte Themen: Kulturelle Praxis im Internet

Zugang zum Internet

Wenn über die Nutzung des Internet in Afrika, Asien/Pazifik und Lateinamerika debattiert wird, kommen unweigerlich die gegenwärtigen Zugangsbeschränkungen zur Sprache. Darauf gingen in unserem Forum z.B. Armin Medosch und Sue Williamson näher ein. Williamson schrieb u.a.: »Von vielen Künstlern in Südafrika, die nicht einmal das Geld haben, sich die grundlegenden Materialien für ihre Arbeit zu beschaffen, wird das Internet noch immer als heillos elitär angesehen.«
So wichtig es ist, sich dieses Problems bewußt zu sein, so richtig ist ebenso, was einige Teilnehmer meinten: man solle weniger den aktuellen Zustand beklagen, als sich vielmehr intensiver über die schon vorhandenen Möglichkeiten und die Potentiale der Nutzung des Internet in der Zukunft verständigen. Denn auch in den weniger entwickelten Regionen der Welt breitet sich das Medium zunehmend aus. »Das enorme Tempo, in dem seine Demographie sich in den letzten paar Jahren verändert hat, ist dafür ein erhellendes Anzeichen.« (Olu Oguibe)

Neue Vermittlungsstrukturen?

Mit dem Internet ist erstmals überhaupt ein Medium entstanden, über das eigenen Inhalte - zumindest potentiell - einem millionenfachen Publikum nähergebracht werden könnten. Eine der zu Beginn des Forums gestellten Fragen war, ob es damit möglich geworden ist, die etablierten Vermittlungsstrukturen, d.h. die ausschließenden Mechanismen des dominanten Kunst- und Kulturbetriebs, zu umgehen. Kann das Internet dazu beitragen, die Dichotomie zwischen »kuratierten und kuratierenden Kulturen« zu überwinden?
Zu den vielen Teilnehmern, die sich zu diesem Thema äußerten, gehört Beral Madra aus Istanbul: »Zumindest haben die Intellektuellen der kuratierten Kulturen jetzt ein Medium, um die Sanktionen, die ihnen von den kuratorialen Kräften auferlegt werden, zu diskutieren und öffentlich zu machen. ... Ich habe sehr hart daran gearbeitet, mich und mein Kunstzentrum in der internationalen Kunstszene bekanntzumachen und die Vorurteile westlicher Institutionen auszuräumen. Dieser Prozeß beschleunigte sich, seit ich meine eigene Website hatte.«
Allerdings sollten die Erwartungen an die Erweiterung des eigenen Aktionsraumes nicht zu hoch sein. Coco Fusco schrieb, Künstler »sehen sich vor das Problem gestellt, wie sie in einem überwältigend großen virtuellen Raum das Publikum erreichen können, wenn riesige kommerzielle Gefüge den Vorteil besitzen, Kanäle zu kontrollieren, die die Nutzer des Internet mit den Diensten und Einheiten, die sie interessieren, in Verbindung bringen. All dies besagt nur, daß es äußerst schwierig ist, die hegemonialen vereinigten Kontrollen des Internet zu durchbrechen.«

Rückwirkungen auf »realen« Kunstbetrieb?

Zur Frage, inwieweit sich über das Internet Rückwirkungen auf den »realen« Kunstbetrieb erzielen lassen, äußerte sich u.a. Gilane Tawadros, Direktorin des Institute of International Visual Arts (inIVA) in London. Sie glaubt nicht, daß die überkommenen Wertesysteme dadurch wesentlich verändert werden können. »Nicht so lange die Galerie und das Kunstjournal die hauptsächlichen Orte für die Verbreitung und Legitimierung von Kunstwerken und von kulturellen Werten bleiben. Es mag ja tatsächlich im Netz zu einer starken Vermehrung der Diskussionen, Kunstwerke und Interaktionen unter den Künstlern, Kuratoren und Kunstkritikern aus allen Teilen der Welt gekommen sein. Und das ist für die Verschiebung des kulturellen Augenmerks aus dem Zentrum heraus außerordentlich wichtig. Aber noch geraume Zeit werden diese Diskussionen, Kunstwerke und Interaktionen für die etablierte Kunstwelt marginal bleiben. Die entscheidende Frage ist nicht, wie diese Konversationen im Netz den 'Status quo' der etablierten Kunstwelt verschieben, sondern wie solche Cybernetzwerke einen anderen Raum schaffen, in dem Ideen und Bilder in fließender, dynamischer und offener Weise ausgetauscht werden können - im Gegensatz zu den konventionellen Räumen der Kunstwelt, die zunehmend engstirnig, konservativ und marktorientiert werden.«

Kunst im Netzraum

Im Forum sind zwar zahlreiche Projekte vorgestellt worden, doch gab es noch relativ wenig Austausch über die Spezifik der Kunst im Netz. Meist drehte es sich dabei um das Internet als Raum für künstlerische Aktivität in einem allgemeineren Sinne.
Kim Machan äußerte sich dazu im Zusammenhang mit dem von ihr geleiteten Festival MAAP (Multimedia Art Asia Pacific, in Brisbane, Australien) und dem dabei entstandenen kulturübergreifenden Netzwerk. »Der aktive Raum des Internet ist ein rückwirkender, wandelbarer, für kreative Dialoge offener. Die Künstler haben tatsächlich eine große Macht über ihren eigenen Netz-Raum, nicht allein durch die Kontrolle des Designs, sondern auch weil sie vielen Kuratoren, die sich in diesen Bereich begeben, technologisch überlegen sind.«
Pedro Meyer widmete dem Thema Netzkunst größere Aufmerksamkeit, als er darüber nachdachte, was »ZoneZero«, das von ihm geschaffene Fotografie-Zentrum im Internet, eigentlich ist: »ein Magazin? ... eine Galerie? oder ein Museum? oder eine Bibliothek? oder ein Buchladen? oder Buch? oder ein Kulturzentrum? Das sind alles Metaphern unserer analogen Welt, die unserer Anatomie irgendwie doch nicht angemessen sind ...« »Wenn Marcel Duchamp ein Pissoir zur Kunst erklärte, was hindert mich daran, ZoneZero ebensogut zum Kunstwerk zu erklären?« Zahlreiche Websites, die als Kunst daherkommen, findet Meyer völlig langweilig. Die vielen mit Hilfe von Photoshop-Filtern erstellten Effekte sind glänzend. »Aber sind sie wirklich Kunst? Sind wir jetzt nicht alle zu Künstlern geworden? Ist es nicht nötig, das traditionelle Verständnis von Kunst einer ernsthaften Revision zu unterziehen?«
José Tlatelpas meinte, daß »die im Web publizierte Kunst und Kultur für sich genommen keine andere Kultur und Kunst ist. Das Web ist ein Medium, um kulturelle Produkte und Dienstleistungen zu verbreiten, und dabei beeinflußt es wohl deren Entwicklung, Stil und Weg, aber nicht ihr Wesen.«

Networking

Eine weitere Frage zum Start des Forums war die nach dem konkrete Nutzen von Kulturnetzwerken im Internet. Auch dazu wurden einige interessante Beispiele gebracht, wie »Culturelink«, ein »Netzwerk der Netzwerke für Forschung und Kooperation in der kulturellen Entwicklung«, vorgestellt von Aleksandra Ivir, oder das »Komitee für Kulturelle Vielfalt« der ISEA (Inter-Society for the Electronic Arts), präsentiert von Cynthia B. Rubin.
Zu diesem Punkt hätte man sich aber erheblich mehr und auch stärker praxisbezogenen Erfahrungsaustausch gewünscht, denn das Networking hat für die Interaktion im Netz eine grundlegende Bedeutung. Das betrifft sowohl die institutionelle Zusammenarbeit als auch den informellen Bereich. So schrieb Cynthia B. Rubin in ihrem Beitrag zu Internet Communities: »Um den Raum für alternative Stimmen im Internet zu sichern, müssen wir aktiv für den Aufbau neuer Gemeinschaften von unabhängigen Künstlern, Theoretikern und Kuratoren arbeiten.«
Von José Tlatelpas kam die Feststellung, daß »die Grundlagen der Diskussion noch immer auf der Interaktivität zwischen der westlichen Welt und dem 'Süden' beruhen... Ich denke, das ist nicht der Kern des Problems. Was ist mit den Beziehungen zwischen Afrika und Lateinamerika... zwischen Asien und Native Amerika...?« Sicher wäre es wichtig, sich in der weiteren Debatte intensiver mit der sogenannten »horizontalen« Kommunikation und Interaktion im Netz zu beschäftigen.
Ravi Sundaram äußerte sich zu diesem Thema in seinem Statement: »Der politische Impuls, der von einem kulturellen Dialog der Dritten Welt ausginge, wäre so relevant wie noch nie. Die Fragen müssen allerdings neu gestellt werden, außerhalb der Rhetorik von Staatslenkern und globalen Polizisten der Kulturpolitik. Eine kritische Kommunikation innerhalb der Dritten Welt wurde durch das alte System von Souveränität (das Staaten privilegierte) immer behindert. Mit dem Netz ist es für uns möglich, auf einer regelmäßigen kritischen Basis miteinander zu sprechen. Es ist eine billige Technologie der Übersetzung, aber unsere Werkzeuge des Dialogs sollten die periphere Natur unserer Gesellschaften berücksichtigen und die zeitliche Beschleunigung der Metropole ablehnen, nicht durch die alte Rhetorik, sondern durch Bescheidenheit und Intelligenz.«



Diskutierte Themen: Digitaler Diskurs / Marktmechanismen

Wiederholt kam im Forum zur Sprache, daß bei der Nutzung des Internet im Kulturaustausch die in der Eigenart des Mediums angelegten kommerziellen Strukturen sowie die Mechanismen des Marktes überhaupt beachtet werden müssen. Das betrifft insbesondere deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Kulturen, auf Wertbegriffe und auf die künstlerischen und kulturellen Prozesse an sich.

Kommerzielle Strukturen des Internet

Sehr komplex sind die Überlegungen von Yu Yeon Kim zu diesem Thema. In ihrem Statement schrieb sie u.a.: »... Die Tatsache, daß die Essenz des Internet aus Widerspruch und Wandel gebildet wird, läßt für die Zukunft Gutes hoffen. Dennoch denken und arbeiten wir zunehmend innerhalb der Parameter elektronischer Programme, die dafür gedacht sind, ganz bestimmten kommerziellen Anforderungen zu genügen. Das Internet hat endgültig die Art und Weise verändert, in der wir die Verbundenheit unserer Kulturen wahrnehmen, doch die kommerziell ausgerichteten Technologien, die das Navigieren und die Festlegung des Kurses vorgeben, beeinflussen die Art und Weise, in der wir denken, wahrnehmen und uns Wissen aneignen. Die Rolle internationaler Kulturpraktiker sollte darin bestehen, diese Strukturen und Vorhaben so zu untergraben, daß sie ihre Dynamik und ihre Wirkungen preisgeben und erhellen.
     Wenn wir das Internet als einen Kontaktbereich für internationale Kulturen in Betracht ziehen, dann müssen wir auch den verwickelten Lauf der postkolonialen und der neoimperialistischen Werte untersuchen, die durch den westlichen Konsumismus, und damit auch durch die dem Internet zugrundeliegenden Mechanismen vermittelt werden.«
Im ersten Beitrag zur Diskussion meinte Manfred Brönner: »Leider bringt es nichts, sich darüber zu beklagen, daß Kunst und ihre Bemühungen in geschäftliche Interessen eingegliedert und dafür benutzt werden.« Yu Yeon Kim vermutete, daß dieser Satz auf ihr Statement bezogen war, und antwortete: »Mir ging es darum, wie Beziehungen und Sprache im digitalen Diskurs durch die Natur seiner kommerziell orientierten Struktur und Werkzeuge sowie den Markt selbst, der seine technologische Entwicklung vorantreibt, schon in hohem Maße vordefiniert sind. Kritisch und kreativ innerhalb oder in Beziehung zu solch einer Umgebung zu arbeiten, erfordert zumindest die Anerkennung dieser Aspekte.«

Marktplatz / Konsumverhalten

Die zum Start des Forums gestellte Frage, ob das Internet zur Veränderung etablierter Wertsysteme beiträgt, wurde von Coco Fusco eher negativ beantwortet: »Die Mehrzahl der Möglichkeiten zur Interaktion und die Art und Weise, in der Nutzer zu Gruppen zusammengeführt werden, entspricht den Notwendigkeiten eines Marktplatzes, was bedeutet, daß Tätigkeit normalerweise die Form von Konsumtion annimmt, und daß die Leute als Mitglieder des 'Marktes' angesprochen werden, die durch ähnliche Interessen und Geschmacksrichtungen zusammengehalten werden. Dies legt die radikale Überprüfung eingeführter Werte in keiner Weise nahe, ist es doch exakt das Ziel des Pankapitalismus, Freizeitaktivitäten umzuwandeln und die Energien, die einst in politisches Engagement geflossen sind, in Verbraucherverhalten überzuführen.«

Marketing und kulturelle Vielfalt

Vor allem in den letzten drei Wochen kam es zu einer intensiveren Verständigung über den Einfluß der global wirkenden Kräfte des Marktes auf die Kultur und die kulturellen Wertbegriffe. (mehr dazu siehe Globalisierung/globale Kultur)
Nachdem Pedro Meyer geschrieben hatte, »globale Kultur ist ebensowenig möglich, wie man all die Frauen und Männer der Welt dazu bringen könnte, gleich zu denken«, pflichtete ihm Sam im Prinzip bei, fügte jedoch hinzu: »... aber was mich beunruhigt ist, daß die Marketing-Kräfte (nicht die Markt-Kräfte) so effektiv in ihren weltweiten Kampagnen sind ...« Polemisch zugespitzt folgerte er daraus: »Und kulturelle Vielfalt muß weiter diskutiert werden - oder ist es die Vielfalt der Konsumenten, die weiter zu diskutieren ist?«
Damit war der Startschuß für eine Debatte über Werbestrategien gegeben. Pedro Meyer glaubt nicht, daß diese zu einer Homogenisierung der Kulturen führen: »Jede Kampagne hat sich auf die Besonderheiten einer jeden Kultur, Altersgruppe, Geschlecht etc. etc. einzustellen.« Auch hinsichtlich der Herstellung von Produkten stimmt es nicht, daß wir uns auf eine Ära des »ein Format paßt allen« hin bewegen. Die Geschäftswelt hat gar kein Interesse daran, »den Planeten mit den gleichen Werten für alle zu überziehen.« Wenn das Internet so stark für die Werbung genutzt wird, »so deshalb, weil es einen früher nie erahnten Grad an Individualisierung der Konsumption erlauben wird. Und das kann nicht geschehen, wenn nicht auch die kulturellen Werte berücksichtigt werden.«
Nicht weiter diskutiert wurde die Aufforderung von Sam: »Als marginalisierte Produzenten von Inhalt ... sollten wir eine segmentierte Werbestrategie entwickeln, wenn wir irgendwie mit dem Inhalt der Massenunterhaltung konkurrieren wollen.«



Diskutierte Themen: Globalisierung / globale Kultur

Wie im vorigen Abschnitt bereits erwähnt, spielten unterschiedliche Aspekte der Globalisierung und mögliche kulturelle Folgen der Ausbreitung des Internet in der Debatte eine große Rolle. Obwohl zumeist nicht direkt ausgesprochen, stand dahinter u.a. die seit Jahren diskutierte Frage, wie groß die Gefahr einer Homogenisierung der Kulturen unter US-amerikanischer Dominanz ist.

Amerikanisierung globaler Kultur?

Armin Medosch wies in seinem Statement darauf hin, daß ein großer Teil der Mythen und der Ideologie des Internet in den USA entwickelt wurde. Während Elemente, wie »organisierter Dissens (Underground Rock- und Popkultur), Individualismus, verstärkt durch Nerd- und Hackerphantasien und einer Art von Transnationalismus, der vor allem Jugendliche aus Metropolengebieten anspricht und von den Versatzstücken amerikanischer Populärkultur (Stichwort MTV) durchtränkt ist, ... das hippe Vorzeige-Image des Internet bestimmen, haben die großen multinationalen Technologie- und Telekommunikationskonzerne in ihren Expansionsbestrebungen freie Bahn. Das Internet kann damit auch zu einem Wasserträger jener Art von Globalisierung werden, die soviel Schaden für zuvor geschützte lokale Wirtschaften und Kulturen bringen kann. 'Angeschlossen' zu werden, heißt ja nicht nur Zugang zur gesamten Netzwelt zu haben, sondern auch umgekehrt, daß das alles auf einen selbst zukommen kann.«
Im Zusammenhang mit der »Amerikanisierung globaler Kultur« gab es von Cynthia Beth Rubin einen wichtigen Einwurf: »Amerikanische Kultur ist vielfältig und fließend. Was exportiert wird ist das, was sich im Ausland verkaufen läßt, und nicht notwendigerweise das, was die die aktuelle Kultur der USA reflektiert...«

Kulturelle Stereotype

Yu Yeon Kim bezog sich mit der folgenden Bemerkung auf Armin Medosch: »Es muß aus westlicher Perspektive mit ihrer Geschichte des Kolonialismus tatsächlich sehr schwer sein, über die bloße Fetischisierung und Stereotypisierung der asiatischen, afrikanischen und sogenannten Dritte-Welt-Kulturen hinauszugehen. Diese Kulturen brauchen aber keinen Schutz vor der Infektion und Verunreinigung durch 'jene Art von Globalisierung, die soviel Schaden für zuvor geschützte lokale Wirtschaften und Kulturen bringen kann'.« Durch die schon lange vor dem Internet einsetzende Evolution globaler Kultur sind »sowohl die Überbringer als auch die Empfänger« bei ihren Zusammentreffen »verunreinigt« worden.
Schon in ihrem Statement hatte Kim geschrieben: »Wenn wir das Internet als einen Kontaktbereich für internationale Kulturen in Betracht ziehen, dann müssen wir auch den verwickelten Lauf der postkolonialen und der neoimperialistischen Werte untersuchen, die durch den westlichen Konsumismus, und damit auch durch die dem Internet zugrundeliegenden Mechanismen vermittelt werden. Eigentlich gibt es keine einfache Trennung vom Anderen, diesem Konglomerat vorfabrizierter sogenannter 'Drittwelt'-Identitäten, das sich in zweifelhafter Manier wieder in dieses Milieu eingespeist hat - die Übertragung von Bedeutungen ist in vielerlei Richtungen bereits im Gange. Der tatsächliche Ausschließungsbereich beginnt jedoch in der äußersten Reichweite der technologisch Mächtigen - da, wo die technologisch Armen entdecken, daß sie auf einem neuen Niveau der Entmündigung gehalten werden, während sie von den technologisch Reichen als die 'Anderen' zum Fetisch erhoben werden.«

»Globale« Kultur ist pluralistisch

In der Mehrzahl der Beiträge zu diesem Themenkomplex wurde die Auffassung vertreten, daß das Internet die Vielfalt der Kulturen nicht oder kaum wesentlich gefährdet. Da auch dazu von Yu Yeon Kim sehr deutliche Aussagen kamen, soll sie hier nochmals zitiert werden. Sie schrieb, »Globale Kultur«, die sich im Internet aus der Vielzahl der mit dem Netz verbundenen, einzelnen Individuen, Organisationen, Unternehmen, Regierungen etc. ergibt, impliziere »von ihrem Wesen her Pluralität, aber auch eine Konfluenz von Kulturen, die sich in einem ständigen Prozeß des Kontakts, Austauschs und der Evolution befinden und stark durch die problematische Verknüpfung ihrer jeweiligen Geschichten geprägt sind.«
Sie untermauerte das noch weiter und fügte eine Anmerkung zu ihrem Verständnis von Austausch hinzu: »Moderne 'globale' Kultur ist ein pluralistischer Diskurs, bei dem der Transport (ich zögere, etwas 'Austausch' zu nennen, das durch die Übertragung in einen Prozeß umgewandelt wird) kultureller Ideen vielleicht so stark beschleunigt wurde, das es unsere Fähigkeit übersteigt, sie vernünftig zu assimilieren. Wie dem auch sei, diese Daten werden bei ihrer Ankunft immer gemäß ihrer Relevanz für den Ort übersetzt.«
Pedro Meyer ist sich sicher, daß »... mit der fortschreitenden Ausbreitung des Internet jede kulturelle Vertretung ihre eigene Präsenz im Netz haben wird, jede Gruppe mit ihrer eigenen Sprache und ihren kulturellen Werten sehr präsent sein wird.«

»Globale« Kultur als Referenzsystem

Auch Joana Breidenbach betonte: »Gewisse Produkte, Dienste, Institutionen und Ideen sind globalisiert ... [aber] das bedeutet nicht notwendigerweise, das wir alle homogenisiert und kulturelle Unterschiede ausgelöscht werden. Menschen in aller Welt nehmen globale Einflüsse auf unterschiedlichste Weise auf.«
Interessant und das weitere Nachdenken anregend ist ihre folgende Vermutung: »Ich glaube, wir sind Zeugen der Entstehung einer globalen Kultur, die als ein neues weltweites Referenzsystem zu verstehen ist.« ... »Wir werden nicht alle die gleichen, aber wir artikulieren unsere Unterschiede zunehmend in einer Weise, die von Menschen anderer Kulturen verstanden wird.«
»Die Globalisierung des Konzepts 'Kultur' [hat] zu einem neuen Identitäts-Boom und einem Machtinstrument für Minderheiten geführt« ... »Ich sehe mehr und mehr Belege dafür, daß nicht-westliche Gesellschaften ... die alten hegemonialen Strukturen herausfordern und ihre Beiträge zu den global gültigen Referenzbegriffen leisten.«



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Projektleitung: Gerhard Haupt - haupt@uinic.de

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