Cyber-Paradies für Arme?

Statt Reisfelder und Demokraten gedeihen im virtuellen Weltdorf "Internet" hauptsächlich Info-Müllberge - auch ohne die vier Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze.

Von Harald A. Friedl

Wer weiß schon, was im politischen Sumpf von Bangladesch gärt. Wahrscheinlich wäre die feministische Autorin Taslima Nasreen spurlos in den Fängen islamischer Fundamentalisten verschwunden, als sie 1994 ihrer "blasphemischen" Bücher wegen zum Tode verurteilt wurde. Doch so weit kam es nicht: DrikTAP, ein alternatives Netzwerk für lokale NGOs und politische Aktivisten, informierte rechtzeitig die internationale Schriftstellerorganisation PEN und Amnesty International: Die Rettungskampagne per E-Mail fokusierte die internationale Aufmerksamkeit auf Bangladesch und ermöglichte letztlich die rettende Ausreise der Schriftstellerin. Das Internet als Sicherheitsnetz für Demokratie und Rechtsstaat?

Im boomenden Cyberspace - 800 Millionen E-Mail-User dürften es bis zum Jahr 2001 sein - könnte sich die Zivilgesellschaft endlich auch in autoritären Staaten entfalten. Milch und Honig würden in der schönen neuen Welt der totalen Kommunikation fließen, erwartet sich besonders die Weltbank: Internet bedeute das Ende von Ungleichheit und Armut. Dank der - relativ billigeren - digitalen Technik sollten die Entwicklungsländer einen "Leapfrog", den Sprung von der Agrarwirtschaft über das Industriezeitalter hinweg direkt in die Info-Ökonomie vollbringen. So rasch als möglich - um nicht von der Flutwelle des "E-commerce", des Handels über das Netz, erschlagen zu werden.

Surfe ins Glück - oder verhungere! Die Botschaft scheint zu greifen, denn am schnellsten wächst die Cyber-Gemeinde in den Entwicklungsländern, wie das renommierte PANOS-Institut feststellt [http://www.oneworld.org/panos]. Alle afrikanischen Staaten - darunter die 35 der 49 ärmsten Länder der Welt - sind bereits angeschlossen. Weltweit werden bereits mehr PCs als TV-Geräte verkauft - mit den höchsten Wachstumsraten in der 3. Welt. Auch jenseits der virtuellen Realität ist die Aufbruchstimmung ins digitale Zeitalter unübersehbar: Eine Allee von Hardware-Werbung säumt die Hauptstraße von Ghanas City Accra, und das Business-Telefonbuch von Abidjan, Elfenbeinküste, zählt 15 Computer-bezogene Seiten! Das Netz mutiert zur großen Kommerz-Park, wo der Rubel rollt. Die 300 Milliarden-Dollar-Grenze soll bereits 2001 fallen.

Fragt sich nur, für wen, wenn kaum ein Promille der Afrikaner Zugang zum Internet haben. Die hohen Wachstumsraten sind wertlose Statistik, hat doch ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen Stromanschluß, die Hälfte der Menschheit hat noch nie telefoniert. In Manhattan gibt es mehr Telefonleitungen als in Afrika südlich der Sahara. Noch Fragen?

Zudem kostet ein PC das Jahresgehalt eines Äthiopiers, ein Web-Abo das Doppelte seines Monatseinkommens - ohne eine Minute gesurft zu haben. An den horrenden Telefonkosten Afrikas wird auch die Liberalisierung der staatlichen Telecom-Monopole nichts ändern, denn die Investitionen westlicher Firmen wie British Telecom in Ghana oder CompuServe in Gambia zielen klar auf das Engagement multinationaler Firmen. Favorisiert werden vom freien Kommunikationsmarkt vorzugsweise die traditionellen Nord-Süd-Beziehungen. Humanitäres Rütteln an den lukrativen neokolonialistischen Handelsstrukturen ist auch dem E-commerce wesensfremd. So bezeichnete Bill Clinton das Internet als das "Schlachtfeld für den ökonomischen Weltkrieg", den Amerika zu gewinnen gedenkt...

Wohl darum floppte "Earth MarketPlace", ein kalifornisches Web-Projekt zur Direktvermarktung von Bioprodukten südamerikanischer Kleinbauern. "E-commerce im Web bedeutet Gütertransport zu Märkten und Märkteschaffung durch Werbung," weiß Bruce Girard von der nikaraguanischen Web-Firma Pulsar, "doch diese Güter sind Informationen, nicht Kaffee aus Kolumbien. Darum droht das Web zur Infrastruktur für eine globale Ökonomie zu verkommen, in der wir Microsoft-Produkte importieren und Jutesäcke anbieten." Die wachsende Lust am virtuellen Shopping soll zwar auch die zahlungskräftigen Mittelschichten des Südens überkommen, die restlichen 80 Prozent der Weltbevölkerung aber gelten als Ladenhüter.

Dabei hatte alles so schön angefangen. Die ersten Netzwerke in Entwicklungsländern wurden Anfang der 90er-Jahre zwischen Schlüsselstellen von Aktivisten, Politikern und NGOs aufgebaut - mit dem fruchtbaren Effekt, daß zu den bestinformierten Kreisen gerade jene zählten, die sich für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Umwelt engagierten. So verknüpfte "Red Cientifica Peruana" seit 1991 ohne jede finanzielle Hilfe diverse Universitäten, Forschungsstellen und Spitäler durch Satelliten, wodurch mittlerweile knapp 300 Institute Information billigst austauschen können. Für ein Land mit nur 0,03 Telefonanschlüssen pro Kopf ein Spitzenerfolg. Mittlerweile gibt es zahllose Web-bezogene Entwicklungsprojekte wie das kanadische BellaNet [http://www.bellanet.org], das "InfoDev Programm" der Weltbank [http://www.worldbank/infodev] oder die George-Soros-Foundation [http://www.soros.org]. Informationszugang - darüber ist man sich international einig - ist eine grundsätzliche Komponente der Selbstbestimmung und Entwicklung. Daß alternative Netzwerke ohne Zuschüsse im wuchernden Kommerz-Netz untergehen würden, ist den Experten auch klar. Über die Förderungsstrategie herrscht dagegen paradoxe Konzeptlosigkeit: Nicht einmal die "entwickelten" Geberländer selbst schaffen es die Entwicklung der segensreichen Koordinationschancen zu koordinieren. Vorbildlich?

Zudem ist äußerst fraglich, ob und wie das Web den vier Milliarden politisch und wirtschaftlich Ausgeschlossenen dieser Welt helfen kann. Was nützt die schönste Homepage ohne Zugang zu sauberem Wasser und ohne medizinische Grundversorgung? Und wie ernähren kluge E-Mails jene 40.000 Kinder, die täglich verhungern?

Ob die Internet-Förderungen auf Kosten klassischer Projekte zur Armutsbekämpfung bestritten werden, ist noch nicht absehbar. Das Finanzierungsdilemma aber stellt sich in jedem Fall: Wer Geld in Schul-PCs steckt, dem bleibt weniger für Lehrergehälter oder für die Schulkantine. Und daß "Bildung nicht durch Technologie ersetzt werden kann", diese Erkenntnis stammt ausgerechnet von Steve Jobs, dem Co-Gründer von "Apple Computer". Die gigantische Web-Datenbank könnte zwar den chronischen Mangel an modernem Unterrichtsmaterial lindern - doch nur für eine Minderheit von privilegierten Schulen: 90 Prozent der weltweiten Kinderschar entgeht weniger etwaige hochqualitative Web-Dokumente in englischer Sprache, als überhaupt die Mittelschule.

Ein Segen ist das Netz zweifellos für Forschungszentren und Universitäten, um rasch und billig an aktuelle Forschungsliteratur zu gelangen - theoretisch: Afrikanischen Unis können schon jetzt ihre Telefonrechnungen nicht bezahlen können. Für Journalisten wiederum würde sich endlich die traditionelle Abhängigkeit von staatlichen oder westlichen Informationsquellen wie von AFP oder Reuters verringern. Wichtige Infos können sofort gegengeprüft, staatliche Kommunikationssperren nach außen wenigstens gemildert werden.

Die unendliche Medienfreiheit im Web ist dagegen ein Gerücht. Autoritäre Regierungen haben rasch gelernt, den "nationalen" Cyberspace zu zügeln. Zugangsbeschränkungen durch horrende Gebühren wie in China oder durch bürokratische Hürden wie im Iran, Kontrollen von E-Mails, Homepages und angewählten Web-Adressen direkt bei den Serverknoten wie in Singapur oder Kuwait sind die üblichen Zensurmethoden, um das Land "vor Pornographie und subversiven politischen Kommentaren zu schützen". Technisch kein Problem. Das viel wichtigere "Zensur"-Problem im Web ist dagegen die Orientierungslosigkeit in der totalen Info-Flut aus Sex- und Werbungsmüll! Dagegen hilft wiederum nur eine profunde Medienerziehung zum kritischen Denken - Bildung also, die nur durch Lehrer vermittelbar ist, nicht durch Techno-Kram.

Sollte trotz aller Hürden das utopische Projekt der weltweiten Vernetzung gelingen, so stünde uns nach den Phantasien eines Bill Gates und Co. die weltweite Demokratie ins Haus. Die Apologeten der virtuellen Agora, in der jeder mit jedem über die großen Probleme der Welt diskutieren soll gehen davon aus, daß die globale Diffusion von Konsumgütern und Unterhaltung mit Aufklärung und Bürgerrechten gleichzusetzen sei. Ein Aberglaube, so alt wie die Erfindung der Dampfkraft! Ein Blick in die Chats und Newsgroups läßt daran zweifeln, daß der Konsum allein kritische Staatsbürger hervorzaubern würde. Denn im Web Web, das klar vom Userprofil "weiß, männlich, gebildet, höheres Einkommen" dominiert wird, erstreckt sich über die tief versunkenen intellektuellen Leckerbissen und Daten-Schätze der weite Ozean an banalem Geschwätz. Die elektronische Demokratie kann eben bestenfalls so gut sein wie der allgemeine demokratische Prozeß in einer "knowledg-based society". Denn (politische und Kommunikations-) Kultur ist durch Technik lediglich veränderbar, niemals aber produzierbar. An der Realisierung dieser Utopie scheiterten bereits 100 Jahre Telephonie!

Harald A. Friedl (harald.friedl@kfunigraz.ac.at) ist freier Publizist und redaktioneller Leiter des wirtschafts- und kulturpolitischen Internet-Magazins "zum Thema:" [http://www.zum-thema.com]
    zurück Seitenanfang
  ©  Text: Harald A. Friedl

Veröffentlicht vom Haus der Kulturen der Welt, Berlin, als Ergänzung zum Beitrag von H.A. Friedel in der Debatte des Forums »Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien«, Start: 12. Oktober 1998   (open end)