Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

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  Statement:   Tom Vincent
 
   Jedes nichteuropäische oder nicht-nordamerikanische Land, das in die internationale Kunstszene involviert ist, muß sich mehr oder weniger mit der Tatsache auseinandersetzen, daß die zeitgenössische Kunst tief in den Idealen und Philosophien des Westens verwurzelt ist. Ausgehend von diesen wird man beurteilt, und man kann deren Regeln befolgen oder auch nicht. Die Stätten der Macht, die natürlich im Westen liegen, wollen sehr oft nicht verstehen, daß man einen anderen Standpunkt einnimmt. Kürzlich wurde bei einem Kongreß der AICA (der internationalen Vereinigung der Kunstkritiker) hier in Tokio, zu dem sich viele aus der Elite der Kunstkritiker versammelt hatten, von einem angesehenen amerikanischen Kritiker vorgeschlagen, die Moderne zu einer japanischen Bewegung zu erklären, weil doch Van Gogh und andere so stark durch japanische Drucke beeinflußt gewesen seien. Dies ist zugegebenermaßen ein extremes Beispiel - aber oftmals hat die Kunstwelt im Westen einfach keine Ahnung.
   Hier zu Hause haben wir ein anderes Problem. Der Künstler Daisuke Nakayama, der ein einjährigen Stipendiums in New York hatte, faßt die Situation für Japan wie folgt zusammen:
   »Ich vermute, daß (zwischen Tokio und New York) alles völlig verschieden ist. Es geht nicht darum, daß zeitgenössische Kunst hier (in New York) ein ganz wichtiger Bereich wäre, aber es gibt eben nun mal viel mehr Leute, die sich damit beschäftigen. Ich glaube, das ist es, was den Markt schafft. Der Hauptunterschied besteht aber darin, daß die 'Kritik' eine etablierte Disziplin ist. Das ist wirklich hart ... Schriftsteller und Kritiker können, genau wie die Künstler, nicht überleben, wenn sie nicht gut sind. Also sehen sie sich die Ausstellungen sorgfältig an und schreiben eine verantwortungsbewußte Rezension. Das ist ein großer Unterschied zu Japan, nicht wahr?«
   nmp-international ist die englischsprachige Ausgabe von nmp (network museum and magazine project), das 1996 in Tokio als Teil der Medienkonferenz der Museen eingerichtet wurde, die erforschte, welche mögliche Zukunft es für Kunst und Museen/Galerien in Bezug auf die neuen Medien gibt. Das Hauptziel von nmp-international ist es, der zeitgenössischen Kunst in Japan, und dabei besonders dem lokalen Kunstgeschehen, das die geringste internationale Aufmerksamkeit findet, ein Fenster Verfügung zu stellen, und sei es auch nur ein kleines. nmp-i versteht sich als winzige Brücke zwischen der Unwissenheit und dem Informationsmangel des Westens und der Wüste, die die Kunstkritik in Japan darstellt. Durch Interviews, wie das oben angeführte mit Daisuke, Berichte und Artikel versuchen wir, ein Bild der zeitgenössischen Kunst im heutigen Japan zu entwickeln. In der gegenwärtigen japanischen Kultur gibt es vieles, was mit der Rolle der zeitgenössischen Kunst konkurriert - sehr oft verhalten sich Mangas, Zeichentrickfilme, Computerspiele und Ähnliches viel direkter und kreativer zu ethischen, politischen und ästhetischen Ideen, als die Hauptströmungen der Kunst. Das sind Themen, die wir in Artikeln von Mangaspezialisten, Entwicklern von Spielen usw. aufzugreifen versuchen.
  Aber nmp-international besteht nicht nur aus Artikeln und beschäftigt sich nicht allein mit Japan. Im November 1996 war nmp-international die vierte 'Station' der Ausstellung »TransAtlantic«. von US-amerikanischen und britischen Künstlern, die vorher in London, Schweden und den Niederlanden gezeigt worden war. Ein kürzlich aufgenommenes Projekt des japanischen Internet-Teams »Sensorium«, das 1997 den Grand Prix der Ars Electronica gewonnen hatte, führt zur Zusammenarbeit von Menschen aus zwanzig Ländern. Und das Container-Ship Projekt, unsere preisgekrönte Online-Galerie für internetspezifische Kunstwerke, hat seinen Sitz in London.
  Während Informationen über den Rest der Welt Japan massenhaft überfluten, geht immer noch sehr wenig in die andere Richtung. Wir hoffen, daß unsere Aktivitäten dazu beitragen, ein Gleichgewicht herzustellen und das Machtzentrum zu verschieben. Doch, um ehrlich zu sein, bleibt unklar, ob das eine realistische Hoffnung ist und ob das Internet das wirklich beeinflussen kann. Hoffentlich tragen Foren wie dieses dazu bei, solche Themen ins Bewußtsein zu rücken.

(Übersetzung: Beate Endriss, redaktionell bearbeitet von Gerhard Haupt)


Tom Vincent: geboren in London, studierte Kunst und Theater in London und Kalifornien. Seit 1989 pendelte er zwischen London und Tokio, wo er sich 1996 niederließ. Während dieser Zeit war er an mehreren Theater und Filmproduktionen beteiligt und hatte diverse Ausstellungen. In der letzten Zeit konzentrierte sich seine Arbeit auf das Internet, und er beteiligte sich an mehreren internationalen Internet-Kunst Veranstaltungen. Zur Zeit entwickelt er eine Online-Galerie/Datenbank japanischer Medienkünstler und Entwickler von Spielen, die Ende 1998 gestartet werden soll.
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Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/1999