Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

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  Statement:   Ravi Sundaram: Übersetzung
 
   Wie funktioniert Übersetzung von Kultur in unserer merkwürdigen, postmodernen Zeit? Ich lebe und arbeite in Delhi, in Indien, das historisch als eine »Gesellschaft der Dritten Welt« abgestempelt ist. In den letzten paar Jahren habe ich über die neuen Übergänge von Technologie und Globalisierung in Indien und all die Aufregung und Gewalt, die dieses Phänomen mit sich bringt, nachgedacht.
   Zuallererst sind unsere Gesellschaften von einem historischen Niedergang geprägt, dem Niedergang als Folge von Entwicklung, des Nationalismus, seiner spektakulären Bildkraft und einer bestimmten Vision davon »wie der Westen zu werden«. Das »post« in Südasien hängt mit einem alten Staats-Nationalismus zusammen, der versucht hat, die kulturelle Produktion in einem nationalistischen Modus zu organisieren. All dies liegt in Trümmern.
   Aus der Sicht der kulturellen Praxis könnte die Frage wie folgt lauten: was sind die tatsächlichen Implikationen des Übergangs in diese neue, ungewisse Zeit? Früher war »Kultur« innerhalb des Rahmens einer Dritte-Welt-Solidarität definiert worden, von verschiedenen peripheren Gesellschaften gegen das Imperium des Westens. Das machte im Aufbruch der unterschiedlichen antikolonialen Kämpfe, des schrecklichen Krieges in Vietnam und der 1968 beginnenden Krise des Westens politisch einen Sinn.
   Dennoch war die »Dritte Welt«-Kultur in gewisser Hinsicht ein negatives Ideal, eine Negation dessen, was nicht unser war. Da dieses Konzept problematisch zu definieren war, blieb uns nur eine Ansammlung »nationaler Kulturen« übrig. Wenn wir das genauer betrachten, verbirgt sich hinter dieser »nationalen Kultur« nichts weiter als ein staatlich gefördertes Mischmasch rekonstruierter kultureller Erzählweisen. Im Falle Indiens hat der Staat versucht, eine »hohe« Kultur zu fördern, indem er klassische Formen der Kunst, der Musik und des Tanzes privilegierte. Dabei handelte es sich natürlich um eine Wiederbelebung früherer volkstümlicher Formen, die nun für nationale Zwecke keimfrei gemacht worden waren. Die »Träger« eines solchen Diskurses bestanden aus einer Gruppe von Mandarin-Intellektuellen und Künstlern, die die Grenzen der »nationalen Kultur« überwachten. Entgegen aller Dementis können Beobachter feststellen, daß das Kulturmodell ganz bestimmt westlich blieb.
   In den 90er Jahren verlief die Krise der Staaten der Dritten Welt parallel zum Aufkommen neuer Formen der Kommunikationsmedien, wie dem Internet. Das alte System der Patronage fiel durch die ernste Krise der Staaten auseinander, die politische Idee der Dritten Welt erledigte sich nach dem Fall des Kommunismus.
   Die Ausbreitung der neuen Medien verlief ungleich, aber in Indien sind sie zumindest angekommen. Die Anbindung an das Internet ist durch eine Reihe von Möglichkeiten vorhanden - und sie nimmt zu. Wie also stellt man erneut die Frage der Übersetzung von Kultur in einer neuen Situation, in der die Staaten in der Krise stecken und die Medien, wie das Internet, die alten Vorstellungen von Souveränität, die doch unser historisches Erbe sind, nicht respektieren?
   Ich denke, daß es hier enorme Möglichkeiten gibt. Der politische Impuls, der von einem kulturellen Dialog der Dritten Welt ausginge, wäre so relevant wie noch nie. Die Fragen müssen allerdings neu gestellt werden, außerhalb der Rhetorik von Staatslenkern und globalen Polizisten der Kulturpolitik. Eine kritische Kommunikation innerhalb der Dritten Welt wurde durch das alte System von Souveränität (das Staaten privilegierte) immer behindert. Mit dem Netz ist es für uns möglich, auf einer regelmäßigen kritischen Basis miteinander zu sprechen. Es ist eine billige Technologie der Übersetzung, aber unsere Werkzeuge des Dialogs sollten die periphere Natur unserer Gesellschaften berücksichtigen und die zeitliche Beschleunigung der Metropole ablehnen, nicht durch die alte Rhetorik, sondern durch Bescheidenheit und Intelligenz.
   Bis heute wurde dieses Potential nur von den peripheren Gemeinschaften aus dem Süden erkannt, die im Westen leben (Künstler und Gemeinschaften der Diaspora). Doch auch in der Peripherie selbst haben sich die Funken entzündet. Die neue Übersetzung ist angekommen, nicht mit der Kraft der alten Visionen, sondern mit dem Zögern und der rigorosen Selbstkritik, die unserer post-nationalistischen Sensibilität entsprechen.

(Übersetzung: Beate Endriss, redaktionell bearbeitet von Gerhard Haupt)


Ravi Sundaram wurde 1963 geboren und ist Fellow am Centre for the Study of Developing Societies in Delhi, Indien. Er hat ausgiebig über urbane Kulturen, Globalisierung und elektronischen Raum in der Peripherie geschrieben.
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Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/1999