Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

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  Statement:   Kim Machan
 
   Dieses Papier legt einige Erfahrungen am Anfang der Definition eines neuen Raumes in der Asien-Pazifik-Region dar. Australien hat eine winzige Bevölkerungszahl (17 Millionen Menschen) und eine hauptsächlich westliche Auffassung von Kunst. Der Akt, sich in dieser Region zu engagieren, bringt viele Verantwortlichkeiten mit sich. Da wir trotz der multikulturellen Gesellschaft ein englischsprachiges Land sind, sind wir uns überkommener Ansichten über kulturelle Kolonisierung bewußt und wollen der Region ganz gewiß nicht unseren Stempel aufdrücken. Unsere Erfahrung hat langsame Fortschritte gemacht, indem direkte Partnerschaften gewonnen und wie ein Dominoeffekt ausgebaut wurden. Währenddessen haben wir eine Struktur entwickelt, die dazu geeignet ist, Künstler in der Region zu unterstützen und zu fördern und die offen ist für regionale Partnerschaften und Beiträge, die den Raum des MAAP erweitern und definieren.
   MAAP (Multimedia Art Asia Pacific) hat vom 18. bis 26. September in Brisbane/Australien das Gründungsfestival »MAAP 98« veranstaltet. Aus dem neuntägigen Festival, zu dem interaktive Ausstellungen, Projektionen, Trainingskurse und Foren gehörten, die Künstler aus dem asiatisch-pazifischen Raum in Kontakt brachten und zusammenführten, sind wir mit neue Überlegungen und einem Gefühl für die künftige Richtung der Organisation hervorgegangen. MAAP ist als Raum und Fokus für die Künstler, die in der asiatisch-pazifischen Region (Australien eingeschlossen) mit Kunst und Technologie arbeiten, auf den Weg gebracht worden.
   Vom Nullpunkt an war es unser Wunsch, einen magnetischen Raum zu schaffen, der Künstler unserer Region anziehen, bestehende Netzwerke ausfindig machen und diese in einem zentralen Pool des Austausches und der Bekanntmachung plazieren sollte. Unsere erste Errungenschaft war eine Online-Ausstellung unter dem Titel »Shoreline - particles and waves«, die Beth Jackson kuratierte. Zehn Künstler aus Japan, Hongkong, Taiwan, Australien und Neuseeland waren beauftragt worden, zu einem vorgegebenen Thema ein Werk zu schaffen. Dieses wurde auch auf einer Großbildleinwand in der Queensland Art Gallery präsentiert. Interessant daran war, daß viele der Künstler den normalen Kunstkanälen unbekannt waren und daß ein offensichtlich frischer Umgang, der die etablierten Kanäle der kuratorialen Tradition unterwanderte, vonnöten war. Es gibt für Austausch und Entdeckung eine große Offenheit - eine Arbeit ist nur eine URL weit entfernt, und die Kommunikation und die Besichtigung des Werkes eines Künstlers ist auch über eine große geographische Distanz hinweg kein Problem. Das ist alles ganz offenkundig, aber wenn erst einmal eine Aktion in Gang gesetzt ist, folgen viele Verzweigungen und neue Fragen werden aufgeworfen.
   Der Raum der neuen Medien geht über den traditionellen Kunstbetrieb hinaus und erstreckt sich auf andere Gebiete, in denen kreative Menschen nicht unbedingt Erfahrungen oder Verbindungen mit der institutionellen Kunstförderung haben, vor allem in Asien. Wir bemerken dabei auch, daß die traditionelle zeitgenössische Kunstwelt bereit und gierig ist, diese Künstler zu vereinnahmen und ihnen einen handhabbaren Platz zuzuweisen. Sie nimmt einzelne auf, um das Medium zu repräsentieren und nach außen hin deutlich zu machen, daß sie sich den neuen Medien zugewandt hat. Wie es scheint, wird dadurch die Natur und das Potential der organischen Explosion entsprechender Arbeiten in der Region und die Art und Weise, wie die Künstler diesen Raum nutzen, verharmlost und negiert. MAAP hofft, diese Falle zu umgehen und auch kreative Werke in Betracht zu ziehen, die nicht notwendigerweise dem Modell von »Kunst« als Futter für die Institutionen entspricht. Der aktive Raum des Internet ist ein rückwirkender, wandelbarer, für kreative Dialoge offener. Die Künstler haben tatsächlich eine große Macht über ihren eigenen Netz-Raum, nicht allein durch die Kontrolle des Designs, sondern auch weil sie vielen Kuratoren, die sich in diesen Bereich begeben, auch technologisch überlegen sind. Es ist ein Prozeß der Zusammenarbeit, der nicht so diktatorisch ist, wie das traditionelle »Hängen« in einer Galerie. Wir alle lernen, diesen Raum zu erkunden. Er funktioniert nicht - und sollte das auch nicht tun - wie ein Computermodell des Kunstbetriebs. Mit den Künstlern [über das Netz] direkt sprechen zu können, umgeht das Problem von Entfernung weitestgehend, doch die physische Präsenz während des Festivals war wichtig, um diese virtuellen Beziehungen in einen realen Raum zu bringen.
   Eines der herausragenden Themen stand im Zusammenhang mit Künstlern aus Indonesien, Thailand und Malaysia und hatte damit zu tun, daß viele interessante Kunstwerke politisch motivierte Herausforderungen gegenüber ihren bestehenden Regierungen zum Inhalt hatten. Die Aufmerksamkeit, die solchen Arbeiten fanden, könnte die Künstler auch gefährden, deshalb ist Rücksicht und Vorsicht unerläßlich.
   Nach unserer ersten Veranstaltung beabsichtigen wir, die Netzpräsenz auszubauen, um Gast-Künstler und Kuratoren, von Künstlern initiierte Projekte, »Sites des Monats«, Downloads von Software, Feedback und Diskussionsforen einzubeziehen. Land für Land kontaktieren wir andere Organisationen mit einem Vorhaben und einem Raum für den Austausch. Die asiatisch-pazifische Region schließt eine enorme Breite unterschiedlicher Kulturen ein, und das Zusammentreffen im Netz ist ein bedeutsamer Weg, den Dialog herzustellen. Interessant ist auch die Bereitschaft von Unternehmen zu Partnerschaften für die zukünftige Unterstützung neuer Medien in der Region. Dies enthält natürlich ein direktes kommerzielles Potential, denn die Leute aus der Industrie brennen darauf zu sehen, welche Inhalte dieser neue Zweig hervorbringen kann. Die Fähigkeit, von nicht-traditionellen Kunstförderern Mittel einzuwerben, ist der Grund dafür, daß die Aufmerksamkeit für diesen Bereich schnell wachsen wird.
   Das Internet ist ein einzigartiger Raum, um darin zu arbeiten. Interesse für die Website und das Festival kam nicht nur vom Kunstpublikum. Leute, die sich normalerweise überhaupt nicht für Kunst interessieren, wurden durch ihre Neugier auf das angezogen, was die Technologie alles übertragen kann. Dies erweitert das Konzept des Vermittlungsraumes, des Heranziehens eines neuen Publikums und der Rolle von Kunst in unserer Gesellschaft.
   Hier können nicht alle Themen behandelt werden, die im Zusammenhang mit MAAP 98 aufkamen. Ich hoffe auf die nächste Gelegenheit, das zu erweitern, so wie das viele der Künstler und Teilnehmer tun werden. Ich möchte betonen, daß wir gerade erst am Anfang sind und daß wir eine reiche Zukunft des Austausches zu entwickeln haben.

(Übersetzung: Beate Endriss.
Redaktionelle Bearbeitung: Gerhard Haupt)


Kim Machan: Kuratorin, Produzentin, Kunstberaterin, Designerin. Hat Aktivitäten im Zusammenhang mit der Nutzung von Medien und neuen Situationen zur Förderung und Bekanntmachung zeitgenössischer Kunst für ein breiteres Publikum geleitet. Diese Aktivitäten haben sie zur weiteren Beschäftigung mit neuen Technologien gebracht. Sie war Direktorin des Festivals MAAP98 - Multimedia Art Asia Pacific in Brisbane, Australien.
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Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/1999