Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

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  Statement:   Yu Yeon Kim: Points of Entry
 
   Zur Zeit der Abfassung dieses Artikels ist die vielleicht höchst verdinglichte Suchmaschine der Photofinder von Altavista. Sie zeigt die Ergebnisse der Erkundung zunächst als eine Galerie von Bildern, entwickelt dann aber die Suche weiter, indem in Umriß und Farbe Ähnliches dazugefunden wird. Wenn der Nutzer die Option »Ähnliches Aussehen« wählt, kann er über die Begrenztheit der ursprünglichen Suche hinaus durch die Pixelgeographien der Pflanzen- und Tierwelt, der Leiber, der Mode, Automobile, Architektur und so weiter navigieren und auf diese Weise die umfassendste bildliche Wiedergabe menschlicher Tätigkeiten und Umfelder durchqueren. »Photofinder« stellt eine beträchtliche Erweiterung des schichtweisen Bildes dar, das dem Internet zugrundeliegt - eine Konstruktion, an der wir alle sowohl durch kritische wie unkritische Zugaben als auch durch interaktive Beiträge bauen. Man könnte sich eine Weiterentwicklung dieser visuellen Datenerfassung auf der Grundlage von Mark Tinklers Visual Thesaurus und ähnlicher Programme vorstellen, in denen die Bilder transparent umeinanderwirbeln und dadurch die Achse ihrer Bezogenheiten und Verbindungen aufdecken. Das wäre aussagekräftiger für die Konzepte von Vertiefung und Transparenz, die so häufig mit dem sogenannten »Cyberspace« in Verbindung gebracht werden und die sinngemäß enthalten, daß wir durch die Gläser unserer Computerbildschirme eine Art osmotischen Durchgang vollziehen, über den wir uns in körperloser Schwebe mit den vernetzten Massen vermischen.
   Seit der Einrichtung des Internet sahen wir uns genötigt, seine vielfältigen Datenströme durch Einwürfe, die unsere Leiber, Nationalitäten oder Geographien betreffen, zu personalisieren - durch alles, was sich auf unsere Verankerung in der realen Welt beziehen läßt, während wir scheinbar frei umhertreiben, um unsere Gegenwart dem elektronisch vernetzten Äther aufzuprägen. Wie aber werden wir von diesem Raum übersetzt und umgebaut?
   Es fällt nicht schwer, euphorisch darauf zu reagieren, daß unsere internationalen Gemeinschaften durch die verschiedenen Kanäle des Internet einander nähergebracht werden. Dies hat das Phänomen der Erscheinung der durch den Computer befreiten Massen hervorgerufen, und auch eine Vielzahl alternativer und unabhängiger kultureller Organisationen und Netzwerke. Diese vernetzten Online-Umgebungen sind sowohl Ausdruck für den Wunsch, etablierte kulturelle Zentren aufzulösen, als auch für die Errungenschaft selbst: ein breites Spektrum des Informationsaustausches und schöpferischer Initiativen zu schaffen, die einen direkten sozialen und kulturellen Einfluß auf die Gesellschaft haben. In einigen dieser vernetzten Räume entstehen um den Zusammenschluß verschiedener Modalitäten neue Artikulationen von Sprache und Identität, ebenso wie die Entdeckung neuer Formen räumlicher Darstellung.
   Bei PLEXUS haben wir vor kurzem OMNIZONE gestartet, ein Projekt, das wir 1997 begonnen haben und das die dynamischen Beziehungen der digitalen Kultur durch die Arbeit verschiedener Künstler erkunden soll. Damit soll keine hierarchische und selbstreferentielle Gültigkeitserklärung der digitalen Kultur geschaffen werden, sondern eher und notwengigerweise deren versuchsartiges und nicht zu Ergebnissen führendes Weitergehen. PLEXUS hat im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten und Ressourcen immer versucht, ein interkulturelles Forum für Ideen und Kreativität voranzutreiben, und diese Ambition wird durch OMNIZONE erweitert, das nach unseren Vorstellungen das kritische Verständnis für Informationsstrukturen und die kulturellen Päckchen, mit denen sie beladen sind, fördern soll.
   Wie bei jedem anderen scheinbar chaotischen Organismus liegt das Problem beim Internet darin, einen günstigen Ausgangspunkt zu finden, von dem aus man es aus genügender Entfernung betrachten kann, um so seine entstehende Struktur zu verstehen. Es gleicht einem riesigen chinesischen Schachspiel, dessen Brett keine Begrenzungen hat. Zunächst einmal sind alle Schnittpunkte untereinander verbunden, und dann wird ersichtlich, daß ganze Bereiche eingekreist wurden. Das alte Sprichwort »Kontrolle ist der Preis für Freiheit« ist hier überaus passend. Unsere Kommunikationstechnologie erleichtert nicht nur den Zugang zu Informationen, sondern auch die Kontrolle und Aufzeichnungen darüber, wie der Zugang gesucht wird und von wem. Darüberhinaus liegt die treibende und die erhaltende Kraft hinter dem Internet nicht bei einer internationalen Gemeinschaft von aufgeklärten Kulturpraktikern, sondern es ist die furchterregende Macht des internationalen Kapitalismus. Die Informationen, die wir für gewöhnlich ständig aus den Massenmedien aufnehmen, sind von den Kontrollmechanismen des Gebrauchsgütermarktes bis zu einem solchen Grade verseucht, daß davon wahrscheinlich sogar unsere innersten Gedanken und ganz bestimmt unsere Wünsche bestimmt werden. In welchem Maße das moderne Selbst eine konsumistische Erfindung des Kapitalismus sein könnte, ist schwer zu prüfen, da an dieser Stelle die Objektivität bereits Konzessionen machen könnte. Das Internet kann durch die Demokratisierung und die Dezentralisierung von Macht sowohl ein Instrument der Massenbefreiung sein - wenn die kritische Reflexion ein populärer Brauch wird - aber es kann gleichermaßen im Dienste von kommerziellen oder politischen Interessen zu einer planmäßigen Manipulation von Wissen werden. Die Tatsache, daß die Essenz des Internet aus Widerspruch und Wandel gebildet wird, läßt für die Zukunft Gutes hoffen. Dennoch denken und arbeiten wir zunehmend innerhalb der Parameter elektronischer Programme, die dafür gedacht sind, ganz bestimmten kommerziellen Anforderungen zu genügen. Das Internet hat endgültig die Art und Weise verändert, in der wir die Verbundenheit unserer Kulturen wahrnehmen, doch die kommerziell ausgerichteten Technologien, die das Navigieren und die Festlegung des Kurses vorgeben, beeinflussen die Art und Weise, in der wir denken, wahrnehmen und uns Wissen aneignen. Die Rolle internationaler Kulturpraktiker sollte darin bestehen, diese Strukturen und Vorhaben so zu untergraben, daß sie ihre Dynamik und ihre Wirkungen preisgeben und erhellen.
   Wenn wir das Internet als einen Kontaktbereich für internationale Kulturen in Betracht ziehen, dann müssen wir auch den verwickelten Lauf der postkolonialen und der neoimperialistischen Werte untersuchen, die durch den westlichen Konsumismus, und damit auch durch die dem Internet zugrundeliegenden Mechanismen vermittelt werden. Eigentlich gibt es keine einfache Trennung vom Anderen, diesem Konglomerat vorfabrizierter sogenannter "Drittwelt"-Identitäten, das sich in zweifelhafter Manier wieder in dieses Milieu eingespeist hat - die Übertragung von Bedeutungen ist in vielerlei Richtungen bereits im gange. Der tatsächliche Ausschließungsbereich beginnt jedoch in der äußersten Reichweite der technologisch Mächtigen - da, wo die technologisch Armen entdecken, daß sie auf einem neuen Niveau der EntmŸndigung gehalten werden, wŠhrend sie von den technologisch Reichen als die »Anderen« zum Fetisch erhoben werden.

(Übersetzung: Beate Endriss)


Yu Yeon Kim: Geboren 1956 in Südkorea. Lebt als freischaffende Kuratorin in New York und Seoul. Sie ist Mitbegründerin und Chef-Kuratorin von »PLEXUS«, einer non-profit Internet-Kunstorganisation in New York, die Kunstwerke der digitalen und traditionellen Medien zeigt und internationale Online-Konferenzen über Kunst ausrichtet. Zu den zahlreichen Ausstellungen, die sie kuratiert hat, gehören: »In The Eye of the Tiger« (Im Auge des Tigers), zeitgenössische koreanische Kunst in Exit Art/The First World, New York (1997), und im Ilmin Kunstmuseum in Seoul (1998); »Transversions« in der 2. Biennale von Johannesburg, 1997/1998. Vor kurzem war Yu Yeon Kim Ko-Kuratorin von »OMNIZONE, Perspectives in Mapping Digital Culture«, einem investigativen und experimentellen Online-Projekt.
Essays und Interviews von ihr wurden veröffentlicht in: ART AsiaPacific (Australien), Wolgan Misool (Südkorea), Atlantica, Flash Art und Intelligent Agent (New York).
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Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/1999