Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

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  Statement:   Coco Fusco
 
Kann das Internet dazu beitragen, die Dichotomie zwischen »kuratierten und kuratierenden Kulturen« zu überwinden?

   Ich glaube nicht, daß das Internet in sich und aus sich heraus in diesem Stadium diese Art von soziopolitischem Wechsel bewirken kann, besonders angesichts der Tatsache, daß der Zugriff auf die neue Technologie in den meisten Teilen der Welt für die Sites der »kuratierten Kulturen« so begrenzt ist. Es gibt einige gutbekannte Beispiele für »elektronische Ruhestörung«, da geschichtlich benachteiligte Gruppen oder Regionen über das Internet Zugang zu den öffentlichen internationalen Arenen des Diskurses erlangt haben - ich denke hier zum Beispiel an das EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional, Mexico) oder an den radikalen Gebrauch des Internet durch Aktivisten aus Serbien und Kroatien. Aber die Notwendigkeiten, von denen diese Eingriffe geformt wurden, sind eher politischer als ästhetischer Natur. Es gibt dennoch in vielen Teilen der Welt viele Künstler, die ihre eigenen Webseiten eingerichtet haben, um dadurch den ausschließenden Mechanismen der Kunstinstitutionen und der Kuratoren zu begegnen, dennoch sehen sich sich vor das Problem gestellt, wie sie in einem überwältigend großen virtuellen Raum das Publikum erreichen können, wenn riesige kommerzielle Einheiten den Vorteil besitzen, Kanäle zu kontrollieren, die die Nutzer des Internet mit den Diensten und Einheiten, die sie interessieren, in Verbindung bringen. All dies besagt nur, daß es äußerst schwierig ist, die hegemonialen vereinigten Kontrollen des Internet zu durchbrechen.

Trägt das Medium zur Veränderung etablierter Wertesysteme bei? Fördert die Auflösung geographischer Grenzen im Internet eine multizentrische Sicht des Kunstgeschehens und damit die Überwindung des Paradigmas »Zentrum-Peripherie«?

   Über die vermeintlich dezentralisierte Form des Internet, die Verflüssigung von Identität, die man darin erproben könnte und die angenommen vielschichtigen Weisen, in denen Nutzer darin kommunizieren könnten, herrschen eine Menge romantischer Vorstellungen. Ich würde dagegen einwenden, daß diese euphorisierte technische Rhetorik sowohl politisch fragwürdig als auch logisch mangelhaft erscheint. Mir scheint, daß mit dem Internet folgendes passiert ist: Kulturelle Bewegungen, die einst radikal oder subversiv gewesen sind, wurden aus ihren sozialen und politischen Zusammenhängen herausgerissen, und was noch wichtiger ist, sie wurden aus der Öffentlichkeit entfernt, in der ihre sozialen Auswirkungen augenscheinlich geworden wären; im virtuellen Bereich können sie statt dessen mit geringer aktueller Wirkung unendlich oft wiederholt werden. (So bekommen wir Interaktivität um der Interaktivität willen, Darstellbarkeit um der Darstellbarkeit willen usw.) Während also die Netzwerke durchlässig erscheinen mögen, besteht der ökonomische Unterbau des Netzes aus dem multinationalen vereinigten Kapitalismus, und dieser ist höchst zentralisiert und weit davon entfernt, ohne Interessen zu sein. Die Mehrzahl der Möglichkeiten zur Interaktion und die Art und Weise, in der Nutzer zu Gruppen zusammengeführt werden, entspricht den Notwendigkeiten eines Marktplatzes, was bedeutet, daß Tätigkeit normalerweise die Form von Konsumtion (Verbrauch) annimmt, und daß die Leute als Mitglieder des »Marktes« angesprochen werden, die durch ähnliche Interessen und Geschmacksrichtungen zusammengehalten werden. Dies legt die radikale Überprüfung eingeführter Werte in keiner Weise nahe, ist es doch exakt das Ziel des Pankapitalismus, Freizeitaktivitäten umzuwandeln und die Energien, die einst in politisches Engagement gefloßen sind, in Verbraucherverhalten überzuführen. In der Frage, ob Begrenzungen im Zentrum oder der Peripherie gesprengt werden, ist zu sagen, daß eine kleine Elite in der Dritten Welt Zugang zu vielen Internetdiensten hat und so bis zu einem bestimmten Grad aus der geographischen Marginalität ausbrechen kann. Dieser Zugang ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch äußerst begrenzt.

Worin liegt der konkrete Nutzen bisheriger Kulturnetzwerke im Internet?

   Für mich haben die Vorteile mit Zeit und Geschwindigkeit zu tun. Ich kann sehr viel schneller als früher mit vielen Menschen kommunizieren. Ich kann mit Künstlern und Intellektuellen in Verbindung bleiben, ohne mich um die Unzulänglichkeit der Postdienste in ihren Ländern sorgen zu müssen. Ich kann Zeit und Kosten der regulären Post und der Faxe vermeiden. Ich habe Zugriff auf Informationen und Nachrichten aus anderen Ländern, die ich nicht so leicht in den Zeitungen oder im Fernsehen finden könnte. Ich erfahre von künstlerischen Ereignissen, ohne meinen Schreibtisch verlassen zu müssen.

Welche Rückwirkungen lassen sich durch die Arbeit mit dem Internet auf den "realen" Kulturbetrieb erzielen?

   Das Internet sollte nicht isoliert von den anderen neuen digitalen Technologien gesehen werden, die in den neunziger Jahren den Verbrauchern in weiterem Ausmaß zur Verfügung stehen. Darüberhinaus ist die Digitalisierung der Schlüssel für das Verständnis dafür, wie transnationale Bankgeschäfte tatsächlich die Globalisierung hervorgerufen haben, und auf welche Weise sie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Ländern und zwischen der ersten und der dritten Welt umgebaut haben. Darüberhinaus haben die digitalen Technologien, indem sie die Möglichkeiten der Telekommunikation erweiterten, dazu geführt, daß gleichzeitig die »öffentlichen Räume« in den USA fast völlig verschwanden oder in solchem Ausmaß kriminalisiert wurden, daß sie für viele Menschen nicht länger zu nutzen sind.
   In gewisser Hinsicht bot die Einführung digitaler Technologien und des Internets den Künstlern eine neue Arena, in der sie ihre Arbeiten präsentieren können, und einen neuen Bereich, den sie in ästhetischer Weise konzeptualisieren können. Auf der anderen Seite schufen die Zwänge der Privatisierung, die Vorherrschaft des vereinigten Beistands für Kunst, die neue Technologien nutzt und die hohen Kosten, die die Arbeiten mit den neuen Technologien verursachen, ein Milieu, das die kritische oder die politische Kunstkritik nicht gerade fördert.

(Übersetzung: Beate Endriss)


Publizistin und interdisziplinäre Künstlerin aus New York. Lehrtätigkeit, Performances, Ausstellungen und kuratoriale Programme in den USA, Europa, Kanada, Südafrika und Lateinamerika. Website: Welcome to Exotech Industries - Coco Fusco's Virtual Laboratory.
u.a. mit: Publikationen, Performances, Videos, Projekte als Kuratorin, biographische Informationen
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Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/1999