Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin
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Einblicke in die Debatte: September bis Dezember 1999
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Inhalt:

Vorbemerkung

Diskutierte Themen:

- Schrumpft das Web?
- Gemeinsame Website / Linkliste
- Präsentierte Projekte, Informationsaustausch  (siehe auch die Liste)
- Zugang zum Internet
- Fernsehen und Internet
- Künstler und Internetnutzung
- Verantwortung gegenüber Nichtvernetzten
- Freiheit der Kunst / Demokratie
- Diskussion über »Sensation«
- Aufmerksamkeit finden / Marketingstrategien
- Künstler, Freiheit, Bürgerpflicht
- Zensur
- Kunstbetrieb, Mainstream - Minoritäten
- Museumssystem
- Kuratoren, Interpretation anderer Kulturen
- Kuratieren / ausstellen im WWW
- Chinesische Kunst
- Wesen der Kunst

Linkliste: präsentierte Projekte, Informationen



Vorbemerkung

Ende September nahm die Aktivität im Forum schlagartig zu. Von September bis Dezember 1999 kamen 396 Postings von 66 Teilnehmern. Diese große Zahl macht eine straffere Form der Zusammenfassung als in den bisherigen Einblicken in die Debatte erforderlich. Leider ist es nicht möglich, allen Verzweigungen der Diskussion zu folgen oder die Entwicklung bestimmter Gedankengänge im Meinungsaustausch der Teilnehmer adäquat zu dokumentieren. Aus Gründen der Übersichtlichkeit war es nötig, Themenkomplexe, die im Forum ineinander übergehen, separat darzustellen. Zu verschiedenen Aspekten können immer nur einige Kernaussagen zitiert werden, so dass andere, ebenfalls interessante Meinungen hier unerwähnt bleiben müssen. Der Verlauf des Forums in diesem Zeitraum war also weitaus vielfältiger als das, was in dieser kurzen Übersicht davon vermittelt werden kann.
Bei der Erarbeitung der Zusammenfassung wurde ich von Pat Binder unterstützt, der ich dafür danke.

Gerhard Haupt, Projektleiter


Wichtige Hinweise:
Alle Diskussionsbeiträge des Zeitraums September bis Dezember 1999 stehen im Textformat (txt) sowohl auf der Website (siehe Liste der Postings) als auch komprimiert in einer ZIP-Datei (564 kb - siehe Info) zur Verfügung. Über den mit den Autorennamen verbundenen Link gelangen Sie zur txt-Datei des Beitrags, aus dem zitiert wurde bzw. in dem Aussagen zu dem jeweiligen Thema zu finden sind. Für die Rückkehr zum Haupttext benutzen Sie bitte den Zurück-Button im Menü Ihres Browsers.
Bitte beachten Sie, dass das Copyright für die einzelnen Postings bei den jeweiligen Autoren liegt. Für die in den Beiträgen enthaltenen Informationen und Äußerungen ist allein der Verfasser verantwortlich.



Schrumpft das Web?

In einem 1999 viel zitierten Bericht der Los Angeles Times hieß es, das Web wachse zwar weiter stark an, doch die Nutzer konzentrieren sich zunehmend auf wenige Top-Sites, statt neue Websites zu erkunden. Gerhard Haupt fragte, ob das tatsächlich so ist oder ob es auf Grund steigender Nutzerzahlen lediglich prozentuale Verschiebungen gibt. Welche Chancen haben kulturelle Websites jetzt und in Zukunft überhaupt noch, die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums zu finden, das sich nicht der Mühe unterzieht, danach zu suchen?

Ami Isseroff nannte Gründe, weshalb die Feststellung der Los Angeles Times zutreffend ist, u.a.: Einsatz großer Summen für Werbung und die Nutzung modernster Technologien, womit kleinere Betreiber nicht konkurrieren können; technische Grenzen und gewinnorientierte Politik von Suchmaschinen; veränderte Nutzertypen und -interessen. Er gab konkrete Empfehlungen, wie Besucherzahlen gesteigert werden können. Chris Drew meinte, der einzige wirkungsvolle Weg, einer kleineren Website einen dauerhaften Platz im expandierenden Internet zu verschaffen, ist der Aufbau einer Community und das Wachhalten ihres Interesses.

Um die Bedeutung eines effektives Web-Marketings auch für kulturelle Websites zu unterstreichen, nannte Gerhard Haupt einige Punkte aus der Studie von Steve Lawrence und C. Lee Giles (NEC Research Institute) »Accessibility and Distribution of Information on the Web«, die am 8. Juli 1999 im Magazin »Nature« veröffentlicht wurde und dem Bericht der Los Angeles Times zu Grunde liegt. Sie belegt u.a., dass die 11 größten Suchmaschinen nur etwa 42% der zu diesem Zeitpunkt ca. 800 Millionen Seiten im Web erfassen.


Gemeinsame Website / Linkliste

Schon mehrfach hatte es Vorschläge für gemeinsame Projekte der Teilnehmer des Forums gegeben (siehe Auswertung 1998: Neue Projektvorschläge). Jetzt regte Heidi J. Figueroa Sarriera eine kollektive Website zu »Möglichkeiten, praktischen Strategien und theoretischen Aspekten der Nutzung des Internet im Kulturbereich« an. Im Laufe der weiteren Verständigung (auch über diesbezügliche Schwierigkeiten) einigte man sich darauf, eine gemeinsame Linkliste zu erstellen. Doch nur wenige Teilnehmer sandten dafür tatsächlich Linkvorschläge ein, so dass Gerhard Haupt schrieb: »Vielleicht ist der Austausch über dieses Thema wichtiger als das eigentliche Resultat.« [siehe auch Isseroff und Hewison]


Präsentierte Projekte, Informationsaustausch

Letztlich hat sich bestätigt, worauf schon früher hingewiesen wurde: das eigentliche Gemeinschaftprojekt ist das Forum selbst. Dazu gehören die zahlreichen Hinweise auf andere Projekte sowie die Links und Buchtipps, die im Zuge eines fortwährenden Informationsaustauschs geschickt wurden. In der Mehrzahl handelt es sich um konkrete Beispiele für die Nutzung des Internet im Kunst- und Kulturbereich. Oft ist deren Präsentation mit Bemerkungen zum thematischen Kontext der gerade aktuellen Diskussion im Forum verbunden.

Solche Postings aus der Zeit von September bis Dezember sind auf einer gesonderten Liste zusammengefasst.


Zugang zum Internet

Erneut kam das Problem beschränkter Netzzugänge in weiten Teilen der Welt zur Sprache. Jetzt wurden allerdings mehr Beispiele dafür genannt, wie die Nutzung des Internet gefördert werden könnte.

Partha Pratim Sarker schickte den Artikel »When a modem costs more than a cow« von Shahidul Alam aus Bangladesh. Ausgehend von einem kurzen Rückblick auf den Einsatz von Technologie und Sprache als Herrschaftsinstrumente in seinem Land schildert Alam, wie es die Agentur Drik seit 1994 geschafft hat, Netzwerke und neue Informationsstrukturen aufzubauen. Auch andere Teilnehmer nannten Möglichkeiten, das Internet selbst in Ländern mit unterentwickelter Telefon-Infrastruktur einzusetzen. [Siehe u.a. Isseroff, Schmidt, Sheffield]

Zwei Monate später berichtete Tom Vincent über eine Initiative, die gebrauchte Krankenhausausstattungen in ärmere Länder schickt, und fragte nach Ähnlichem für Computer und Internetzugänge. Ergänzend nannte er Links zu kostenlosen Providern in Europa und einer Initiative in Großbritannien, die ausrangierte Computer aus der Industrie an Schulen weitergibt.

Josette Balsa empfahl, Sponsoringleistungen bei Firmen nicht privat, sondern im Namen einer Gruppe, am besten einer Institution oder Vereinigung, zu beantragen. Auf die Frage von Cristina Jadick, ob Computer nicht ähnlich wie Telefone in öffentlichen Räumen aufgestellt werden könnten, brachten Susan Marquez und Anjali Arora Beispiele aus Kalifornien und Indien.


Fernsehen und Internet

Kim Machan wollte wissen, ob ihre Erwartung, das Internet würde in Asien eine ähnliche Verbreitung wie das Fernsehen finden, von anderen geteilt wird. Susan Marquez äußerte daraufhin »lasst uns hoffen, dass das Internet das Fernsehen ersetzt«. Besonders ihre Aussage, »das Fernsehen hat sich in vieler Hinsicht als verheerend erwiesen. Internet-Fernsehen kann nur der nächsten Generation helfen, die Einseitigkeit der Fernsehguckens zu vermeiden«, löste heftigen Widerspruch aus.

Ami Isseroff warnte vor der »Annahme, dass die Natur der Menschen, ihre Interessen und ästhetischen Anschauungen besser sind, als es angesichts des Fernsehens zu erwarten wäre, und der Hoffnung, das würde sich schon zeigen, wenn sie nur zu einem interaktiven Medium wie dem Internet übergingen.« Und weiter: »Es ist ein Aberglaube des 20. Jahrhunderts par excellence, dass technische Verbesserungen den Inhalt unseres Lebens zum Besseren wenden. ... Die Rettung wird nicht durch bessere Apparate kommen.«

Olu Oguibe war mit der Verteufelung des Fernsehens nicht einverstanden und hielt ihr diverse negative Aspekte des Internet entgegen. Bei anderen Teilnehmern ging es darum, inwieweit das Fernsehen die Realität des Lebens widerspiegelt oder ob es lediglich kommerziellen Interessen dient, so wie das auch zunehmend von den Angeboten im Internet zu erwarten ist [siehe u.a. Isseroff und d'Alpoim].

Im Zusammenhang mit diesem Thema wurde auch wieder auf die Gefahr einer Homogenisierung der globalen Kultur und des WWW hingewiesen [siehe Isseroff]. Tim Bigelow erinnerte aber daran, dass das Internet mit einer pluralistischen, multikulturellen Erwartung verbunden war und wohl auch noch ist. Genauso wie die biologische Vielfalt geschützt wird, gibt es ebenso Individuen und Organisationen, die die kulturelle Vielfalt verteidigen. »Ihre Anstrengungen sollten unterstützt werden.«

Als Susan Marquez die Ansicht vertrat, man könne durch die Verbindung von Fernsehen und Internet zumindest sofort die Glaubwürdigkeit der gesendeten Informationen überprüfen, widersprach ihr Isseroff erneut energisch. Marquez schlug auch vor, darüber nachzudenken, ob man nicht das Prinzip des Merchandising für mit bestimmten Fernsehserien verbundene Produkte auf den Kunstbereich übertragen könnte, so etwa zu »Infotainment«-Programmen für Kunst und Kultur.


Künstler und Internetnutzung

Selbst dort, wo bereits gute Zugangsmöglichkeiten zum Internet existieren, wird das Medium nur von relativ wenigen Künstlern genutzt. Chris Drew geht davon aus, dass in den USA möglicherweise 90% oder mehr der Künstler noch nicht online sind. Er schilderte, was die von ihm geleitete Initiative ART-ACT tut, um diese Situation zu ändern. Anjali Arora schrieb dazu, auch in Indien gäbe es viele Künstler mit Berührungsängsten gegenüber dem Internet und erläuterte das. Allerdings relativierte Drew seine Aussagen etwas später, indem er Nachteile des Computers gegenüber »handgemachter« Kunst anführte und diesen als ein elitäres Instrument für Kunst bezeichnete. Der Nutzen des Internet für Künstler läge in erster Linie darin, ihre Kunst selbst bekanntmachen zu können.

Raul Ferrera-Balanquet schickte ein langes Posting über Probleme, mit denen sich Künstler in Mexiko und Lateinamerika, die das Internet nutzen wollen, konfrontiert sehen. Christy Sheffield Sanford fand darin Parallelen zur Situation vieler Künstler vor allem im Süden der USA.

Peter Toy stellte die Metapher des Internet als eines »künstlichen Gedächtnisses, zu dem wir 'alle' gehören« in Frage. Viele gehörten eben nicht dazu, weil ihnen die Mittel, Kenntnisse und technologischen Voraussetzungen dafür fehlen, und würden das zunehmend als Nachteil empfinden. Zuvor hatte Toy die Meinung vertreten, Kunst im Netz sei »eine sich selbst genügende Institution« und Netzkünstler würden sich zu wenig mit Menschenrechten und »globaler Ethik« beschäftigen. Dem hielt Tom Vincent mehrere Beispiele politisch engagierter Netzkunst entgegen. Er schrieb, im Grunde seien bei Kunst im Netz dieselben Inhalte zu finden wie außerhalb.


Verantwortung gegenüber Nichtvernetzten

Das Thema, ob und inwieweit im Internet agierende Kulturpraktiker die Realität außerhalb des Netzes und damit auch die Belange der nicht angeschlossenen aufnehmen und verantwortungsbewusst damit umgehen, wurde immer wieder einmal angeschnitten. In diesem Zusammenhang machte Pat Binder auf den Essay von Olu Oguibe (Mitglied in unserer Mailingliste) » Die Vernetzung und das Schicksal der Nichtvernetzten« aufmerksam, der am 6. Dezember 1999 im deutschen Online-Magazin Telepolis erschien. Darin erörtert Oguibe u.a. das Problem, dass die Nichtvernetzten von Diskussionen im Netz ausgeschlossen sind, in denen es um ihre Lebensbedingungen geht. »Als Folge entstehen innerhalb des Netzes Repräsentanten, die an Stelle der ausgeschlossenen Gruppierungen das Wort ergreifen. So bilden sich Stimmen, die für sich die Autorität in Anspruch nehmen, für die Anderen zu sprechen.«

Ami Isseroff bezog sich darauf, als er schrieb, »wir« hätten zu lernen, unsere eigene Meinung öffentlich in Frage zu stellen und das Nachdenken und die Kommunikation zu fördern, statt nur uns selbst und »unsere Sache« zu promoten.

Schon 2 Monate zuvor hatte Gerhard Haupt die Frage aufgeworfen, inwieweit die kulturelle Diaspora, die an Orten mit besseren Internetzugängen lebt, das Recht hat, im Netz als Repräsentant und Sprecher einer kulturellen Gruppe insgesamt aufzutreten.


Freiheit der Kunst / Demokratie

Als Beispiel für Repressionen gegenüber einer engagierter Kulturarbeit brachte Hans Braumüller den Fall Humberto Nilo zur Kenntnis. Er schickte ein Schreiben mit (in Spanisch), in dem Nilo seinen Fall dokumentiert [englische Übersetzung siehe Pat Binder] und informierte über eine internationale Protestkampagne. Nach einer Mail Art Aktion für die Freiheit der künstlerischen Ausbildung war Humberto Nilo als Direktor und Professor der Abteilung bildende Kunst der Universität von Chile entlassen worden.
[siehe auch Katz und Braumüller]

Weitere Teilnehmer sahen Parallelen zum diesem Fall in anderen Teilen der Welt, wobei auch Widersprüche zwischen dem demokratischen Anspruch und der Realität in den USA angeführt wurden und es zu einer Debatte über Demokratie und Freiheit im Allgemeinen kam. [siehe u.a. Ferrera-Balanquet, Zetina, Schiavone, Isseroff, Ferrera-Balanquet]


Diskussion über »Sensation«

Im Kontext des Austauschs über den Fall Humberto Nilo erwähnte Juan José Díaz Infante, dass der Bürgermeister von New York dem Brooklyn Museum die Zuwendungen der Stadt entziehen wollte. Damit wurde die Ausstellung »Sensation«, um die es dabei ging, zum Ausgangspunkt einer lang andauernden Diskussion im Forum. Anfangs streiften daran Beteiligte die Frage öffentlicher Finanzierung von Kunst [siehe u.a. Marquez, Isseroff, Díaz Infante, Drew, Drew, Marquez, Sheffield Sanford, Ellis] und erörterten die Ausstellung und die Saatchi-Sammlung als Marketingphänomen.

An einem Punkt der Debatte wurde deren starke Konzentration auf New York kritisiert, obwohl doch der Austausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik und Lateinamerika im Zentrum des Forums stehen sollte [siehe Machan, Drew]. Andere Teilnehmer entgegneten, es müßten sich eben mehr Mitglieder der Liste zu Wort melden [Oguibe] und forderten zu einer größeren Vielfalt der Äußerung auf [Drew]. Wie sich aber schon bald zeigen sollte, verzweigte sich der Meinungsaustausch zunehmend in die unterschiedlichsten Richtungen und nahm sowohl spezifische Phänomene in anderen Kulturen (z.B. China) als auch allgemein interessierende Fragen auf, wobei verschiedene Themen und Aspekte ineinander übergingen.

Es ist hier unmöglich, den Fluss dieser Diskussion in der gebotenen Kürze zu resümieren, deshalb sollen im Folgenden zentrale Punkte herausgegriffen werden, die zum Teil aber auch losgelöst von »Sensation« und an anderer Stelle des Forums erörtert wurden.


Aufmerksamkeit finden / Marketingstrategien

Nachdem Christy Sheffield Sanford dagegen protestiert hatte, dass die »bad guys« der Kunst mehr Aufmerksamkeit finden, als Künstler, die es wirklich verdient hätten, wurde über dieses Phänomen im Kontext der Mechanismen der Medien und der Marketingstrategien im Kunstbereich diskutiert. Charity Ellis rief den im Grunde ähnlichen Skandal um Andrew Serranos »Piss Christ« vor knapp 10 Jahren in Erinnerung und meinte, die »bad guys« würden nicht nur das Interesse der Medien, sondern auch das der Politiker finden, was wiederum Auswirkungen auf den Zugang zu finanziellen Mitteln haben kann.

Juan José Díaz Infante schickte ein Posting mit dem provozierenden Betreff »Lady D was a prostitute«, in dem es u.a. um die »Kunst des Erzielens von Aufmerksamkeit«, um die Vergabe öffentlicher Mittel (u.a. am Beispiel Mexikos) und um Marketingstrategien in der Kunst ging. Als Antwort darauf wies Gerhard Haupt auf Michael H. Goldhabers Texte über die Produktion und Distribution von Kunst in den Verhältnissen einer neuen »Aufmerksamkeitsökonomie« hin [veröffentlicht seit 1996 im Online-Magazin Telepolis - siehe Links im Posting]. Darin geht es u.a. um die Anstrengungen, die heutzutage unternommen werden müssen, um am immer knapperen Gut der Aufmerksamkeit teilzuhaben, und um die ökonomischen Vorteile derjenigen, die es geschafft haben, »Stars« zu werden.

Pat Binder steuerte einige von ihr übersetzte Passagen aus dem Essay von Luis Camnitzer »Die Korruption in der Kunst / die Kunst der Korruption« bei (veröffentlicht in Universes in Universe). In seiner vielschichtigen Reflexion über die komplizierten Daseinsbedingungen des Künstlers bewegte Camnitzer u.a. die Frage, wie »man die Korruption benutzen kann, ohne sich korrumpieren zu lassen«. Binder zitierte eine der Antworten, die er sich selbst gab: »Es gibt keine Lösung für das Dilemma und als Konsequenz habe ich mir eine moralische Struktur zusammengebaut, die ich letztlich 'ethischer Zynismus' nannte. Das Wesentliche an dieser Position basiert auf dem Gedanken, dass es besser ist, sich wissentlich zu prostituieren, als dasselbe unbewusst zu tun. Im ersten Falle ist es Strategie, im zweiten Korruption. Als Strategie nutzt sie mir, eine Grenze kurz vor ihrem Überschreiten zu identifizieren, und deshalb erlaubt sie mir bis zu einem gewissen Grade die Umkehrbarkeit dieses Aktes. Wenn es sich aber um Korruption als Produkt des Unbewussten handelt, ist man genötigt, sich in einer Rhetorik der Rechtfertigung zu ergehen, ohne die Möglichkeit zu haben, selbst die Verantwortung für die Entscheidung zu übernehmen.«

Francisco Córdoba schloss daran an, als er seine »Verkaufsstrategien« und seine Sicht von »Kultur, Ethik und Ästhetik« darlegte. Oft sei es nicht einfach, beide Aspekte miteinander in Einklang zu bringen. Schon zuvor hatte Donna Hand Lee über ihre Arbeit als Marketingberaterin für Kunst berichtet. Dazu gehört, bildende Künstler hinsichtlich ihrer »Geschäftsentwicklung« zu beraten, damit sie mehr Zeit für den kreativen Prozess haben.

Tom Vincent vertrat die Ansicht, »zum Job des Künstlers gehört das Marketing. ... Die Auseinandersetzung zwischen den Standards des Künstlers und denen der Gesellschaft ist ein vitaler Teil der Arbeit des Künstlers.« Das träfe aber im Grunde für jeden zu. Ami Isseroff war damit nicht einverstanden. Man solle nur an die Künstler denken, die unter einem repressiven Regime arbeiten mussten, oder an die Wissenschaftler, deren Ideen verloren gegangen sind oder unterdrückt wurden. Anerkennung schon zu Lebzeiten sei nicht immer eine Frage des Talents, sondern manchmal nur des Glücks oder des Geschicks und der Energie in Sachen »Marketing«.

Kim Machan hob erneut hervor, dass die Nutzung des Internet Künstlern neue Kanäle zum Publikum und neue Netzwerke für eine Einflussnahme erschließen kann. Und Marketing habe schließlich mit dem Zugang zum Publikum zu tun.


Künstler, Freiheit, Bürgerpflicht

Der Zorn des New Yorker Bürgermeisters Giuliani auf die Ausstellung »Sensation« entzündete sich besonders am Bild »Die Heilige Jungfrau Maria« (1996) von Chris Ofili, in dem der Künstler Elephantenmist auf das sakrale Motiv setzte. In einem Posting analysierte Olu Oguibe minutiös die künstlerischen Ausgangspunkte Ofilis. Dabei entzauberte er die sich auf Afrika berufende Selbstmystifizierung des in England geborenen Künstlers und legte dar, mit welchem Geschick für Selbstpromotion dieser beharrlich den Erfolg suchte.

In einem weiteren Beitrag hinterfragte Oguibe die Sicht der Weiblichkeit und gerade der schwarzen Frau in dem von den einen heftig attackierten und von den anderen verteidigten Bild Ofilis. Er könne sich nur darüber wundern, dass ausgerechnet eine solche Darstellung zur »Ikone der kulturellen Gemeinschaft im Kampf gegen staatliche und religiöse 'Intoleranz'« wurde.

Besondere Beachtung verdient auch die dritte Email von Olu Oguibe zu diesem Thema. Der längere Text sollte in Gänze gelesen werden, damit nichts von der Argumentation verloren geht. Oguibe vertiefte seine Analyse von Ofilis Strategie der Provokation und zeigte die Instrumentalisierung des Skandals in New York. Davon ausgehend setzte er sich äußerst kritisch mit der »Selbstbezogenheit« des Kulturbetriebs und der Auffassung auseinander, ein Kunstschaffender hätte eine »größere Ausdrucksfreiheit als der Rest«, was er das »Ich-bin-heilig-weil-ich-ein-Künstler-bin Syndrom« nannte. Einer der Kerngedanken seiner Reflexion über das »Verhältnis von Künstlern zur Öffentlichkeit und zum Staat im Allgemeinen« lautet: »... selbst wenn Zensur inakzeptabel ist, so gehört es dennoch zu den Bürgerpflichten der Künstler als Mitglieder der Gesellschaft und nicht als Götter, empfindsam gegenüber ihrem Umfeld zu sein und die wechselnden Sensibilitäten ihres Publikums zu bedenken, vor allem wenn sie die Absicht haben, ihre Arbeit diesem Publikum näherzubringen.«

Um die Verantwortung von Künstlern ging es im Forum auch später, als Britta Erickson den Einfluss von »Sensation« auf junge chinesische Künstler schilderte. Obwohl sie die Ausstellung nicht gesehen hatten, kannten sie doch den Katalog und trieben die Schockeffekte zum Teil noch weiter. »Wo britische Künstler Installationen mit toten Tieren machten, waren Chinesen fähig, tote Menschen und lebende Tiere zu benutzen«. Erickson wies auf Fotos entsprechender Werke im Netz hin.

Nachdem Christy Sheffield Sanford solche Grausamkeit rigoros abgelehnt hatte, erwiderte Tom Vincent: »'Grausamkeit' ist einer von vielen Bausteinen, die zeigen, wie wir Menschen sind, und deshalb ist sie eine wichtige Ressource für Künstler.« Der Wert, der dem individuellen Leben beigemessen wird, sei in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Persönlich teile er zwar Sheffield Sanfords Gefühle hinsichtlich solcher künstlerischen Praktiken, »aber ich bin auch sehr skeptisch gegenüber den Menschenfreunden, nicht so sehr angesichts dessen, was sie tun, sondern vielmehr angesichts dessen, was sie nicht tun oder nicht in Betracht ziehen. Bevor wir urteilen, müssen wir sehr sicher sein, dass unsere Position wirklich die richtige ist.«

José Tlatelpas fand, oft sei es so, dass »Künstler ohne genügend Meisterschaft, Botschaft oder einem ästhetischen, geistigen, kulturellen Beitrag versuchen, Lärm zu machen, indem sie das Mittel des Skandals nutzen. Es ist ein Weg, Aufmerksamkeit zu suchen ...«


Zensur

Zunächst gab es eine Auseinandersetzung darüber, ob die Absicht des New Yorker Bürgermeisters, dem Brooklyn Museum auf Grund der »Sensation«-Ausstellung die öffentlichen Mittel zu entziehen, ein Akt der Zensur [siehe Díaz Infante und Drew] oder aber eine nicht als Zensur zu bezeichnende Einmischung der Politik in die Kunst ist [Isseroff]. Später erkundigte sich Chris Drew nach Fällen von Zensur in anderen Teilen der Welt und fügte Fragen u.a. zur Macht von Kuratoren, staatlicher Kontrolle und dem Einfluss der Kunstszene auf »lokale Denkmuster« hinzu.

Raul Ferrera-Balanquet brachte ein Beispiel aus Mexiko, meinte aber, am schlimmsten sei dort die Selbstzensur von Künstlerinnen und Künstlern. Zwischen Kim Machan und Dianne d'Alpoim Guedes gab es einen kurzen Disput über die Situation des Internet in Australien und die Auswirkungen neuer Gesetze auf Kunst-Websites. Machan informierte auch darüber, dass die geplante Präsentation von »Sensation« in der Australian National Gallery wegen des Skandals in New York abgesagt worden war. Obzwar es keine Zensur sei, wollte Fran Ilich den Aspekt von »Exklusivität und Ausschluss« in die Diskussion einbringen. Was er damit meinte, erläuterte er am Beispiel des von Laboratorios Cinemátik organisierten 1st Cyberculture Festival in Latin America in Tijuana. Francisco Córdoba sah in Repression die schlimmste Form der Zensur und brachte dafür ebenfalls Beispiele.


Kunstbetrieb, Mainstream - Minoritäten

Chris Drew erläuterte die Ausstellungspraxis des Uptown Multi-Cultural Art Center in Chicago, in dem er tätig ist, und setzte dieser den seiner Meinung nach mißlungenen Versuch des Chicago Cultural Center entgegen, 1990 die Vielfalt der Kunst in Chicago zu zeigen. Dabei hätten die Juroren fast nur solche Werke ausgewählt, die ihrem eigenen »europäischen background« entsprachen. Auch Raul Ferrera-Balanquet vertrat die Auffassung, durch das Bildungssystem der USA gegangene Kuratoren und Kunsthistoriker würden auf »eurozentrische Vorstellungen« fixiert sein und zum Beispiel die »Komplexität der Latino und lateinamerikanischen Kunst« nicht verstehen.

In einer ausführlichen Antwort darauf brachte Pablo Helguera einige grundlegende Probleme und Zusammenhänge zur Sprache. Hier einige Zitate aus seinem Beitrag:
»Meiner Ansicht nach geht es um die Frage, ob wir, die Kulturadministratoren, Kuratoren, Kritiker, Künstler und Erzieher genügend dafür gekämpft haben, ein System aufzubauen, in dem sich Künstler der Minderheiten in den Dialog mit dem Mainstream einbringen können, ohne notwendigerweise ihre individuellen Identitäten oder kulturellen Diskurse zu verlieren.«
»Wir haben Begriffe wie 'community art' geschaffen, die - mit sehr wenigen Ausnahmen - von den internationalen Museen und der Kunstwelt niemals wirklich Ernst genommen wurden. Am Anfang des Multikulturalismus haben Künstler herausgefunden, dass ihnen Ethnizität zu Stipendien, Chancen und Ausstellungen verhalf. Wie auch immer, mit der Zeit schlug das fehl, indem sich zeigte, dass ihnen diese Güter nur deswegen gegeben wurden, weil sie Minoritäten angehören, und nicht unbedingt weil sie gute Künstler sind.«
Weiter unten schrieb Helguera: »... wir haben Modernismus und Post-Modernismus zu lange nur für weiße angelsächsischen Konzepte gehalten, und das stimmt überhaupt nicht - so wie z.B. auch der Konzeptualismus existieren sie seit Jahrzehnten ebenso in ganz Lateinamerika. Und selbst wenn es angelsächsische Konzepte wären, gehören sie dennoch allen, und eine anregende lingua franca erlaubt es uns, visuell mit der ganzen Welt zu kommunizieren. ...«
»Ein letztes Wort zu dieser ganzen 'Sensation'-Diskussion: es wird beim Mainstream bleiben; er gehört zur Natur eines jeden Gebiets, nicht nur der Kunst. Kunst wird immer so strukturiert sein, dass es eine besser informierte Minderheit und eine ausgeschlossene Mehrheit gibt, die immer mit ihrem Ausschluss unzufrieden sein wird. Alles was wir tun können ist, diesen Prozess zu verstehen und unsere Sprache und unsere Aktionen in einer Weise zum Ausdruck zu bringen, durch die wir uns adäquat mit den verschiedenen Gruppen verständigen können. Und natürlich können wir das: es ist unser Job.«

Chris Drew verteidigte die »community artists«, die schon lange vor der Konjunktur des Begriffs »Multikulturalismus« in ihren Gemeinschaften gearbeitet hätten. Am Ende seines polemischen Diskurses steht: »Die 'Kunstwelt' ist nicht die Welt. Die 'Kunstwelt' ist eine elitäre Gruppe, die für sich selbst agiert. Sie bewertet Kunst, damit sie zwischen ihr selbst gehandelt werden kann. Es gibt keine einheitliche Ästhetik, die Qualität über die Kulturen und Zeiten hinaus erklärt und misst.«

In seiner Entgegnung schrieb Pablo Helguera u.a.: »... Du kannst nicht verallgemeinern, indem du sagst, dass es nur eine 'Elite' und eine 'Hierarchie' gibt. Der Reichtum der heutigen Kunst besteht darin, dass es viele verschiedene Gruppen und Individuen und Institutionen gibt, die unterschiedliche Dinge unterstützen. Es gibt abertausende von Künstlern, die ihre Werke in unzähligen Museen und Galerien in aller Welt zeigen.« ... »Ich habe ein Problem mit der konspirativen Theorie, dass die ganze heute unterstützte Kunst von westlichen Kritikern bestimmt wird ... Obwohl es absolut richtig ist, dass einer Menge wirklich qualitätvoller Kunst nicht der ihr gebührende Wert beigemessen wird, ist dieses Argument zu lange von zu vielen Künstlern benutzt worden, die keinen anderen fanden, den sie für ihren fehlenden Erfolg verantwortlich machen konnten.«
Bedenkenswert ist auch sein Schluss: »Im Moment ist jeder allein nicht in der Lage, die Welt grundlegend zu verändern. So wie Communities werden auch Eliten und andere Strukturen weiterbestehen. Man kann eine anarchistische Haltung beziehen und alles in Frage stellen. Aber ich denke, es ist praktischer, die Wirklichkeit, in der wir leben, zu verstehen, und zu versuchen, diese mit der eigenen Meinung herauszufordern. Und man sollte sich darum bemühen, den Dialog in Gang zu bringen, statt in selbstglorifizierendem Isolationismus zu verharren.«

In eine ähnliche Richtung ging José Roca. Er begann mit der Feststellung: »Kunst hat Kommunikation zu tun. Du musst die Leute erreichen, wenn du deine privaten Obsessionen bekanntmachen willst, damit sie etwas Bedeutsames in jemand anderem auslösen.« Selbst Land Art, die den Museen und dem Markt entfliehen will, bliebe weitgehend unbekannt, wenn es nicht Bücher, Fotografien oder Drucke darüber gäbe. »... Warum kommt die heftigste Attacke auf das Museumssystem von Hans Haacke, der ständig weltweit ausstellt? ... [alle diese Künstler] sind sich dessen bewusst, dass die Virusstrategie die beste ist: angreifen und von innen verändern. Das Ausstellungssystem und der Markt sind dazu da, benutzt zu werden, nicht als Ziel, sondern als ein Mittel.«


Das Museumssystem

In anderen Beiträgen ging es noch expliziter um die Rolle der Museen in der Kulturpolitik und um das Museumssystem an sich. Juan José Díaz Infante nannte dabei zwei mögliche Modelle, die eine Veränderung bewirken könnten. Pablo Helguera stimmte mit ihm u.a. darin überein, dass die etablierten Hierarchien nicht unbedingt die Qualität der in Museen präsentierten Kunst garantieren. Tatsächlich seien offenere Strukturen nötig. Der Begriff »zeitgenössisches« Kunstmuseum sei an sich ein Oxymoron, denn was »heute neue Kunst ist, wird morgen schon alt sein«. Einen wichtigen Sinn des Museums in der Kunstwelt sieht er darin, Kontext zu vermitteln. Helguera gab auch einen kurzen Bericht über das Symposium »Fiktion innerhalb und außerhalb des Museums«, das er gerade in Mexiko-Stadt organisiert hatte. Dabei wurde u.a. über folgende Fragen diskutiert: »1) das Museum als ein Ort den wir brauchen, um dagegen zu rebellieren; 2) Künstler, die den 'Kontext' des Museums in ihr eigenes Werk aufnehmen; 3) das Museum als kulturelles Disneyland (oder Disneyland als akkulturiertes Museum); 4) das Museum nach dem Verlust des Staunens, das ganz an seinem Anfang stand.«


Kuratoren, Interpretation anderer Kulturen

Im Forum kam immer wieder die Tätigkeit von Kuratoren als Teil des Kunstbetriebs zur Sprache. Vor allem Künstler kritisierten des öfteren deren Macht und fragten, ob die Nichtbeachtung von Kunst nicht ein Ausschlussmechanismus wäre, der mit Zensur zu tun hätte. Christy Sheffield Sanford widersprach dem schon vor dem eigentlichen Beginn der Diskussion über dieses Thema, als sie in einem anderen Zusammenhang schrieb: »Ich denke, viele Kuratoren hängen zu stark von ihren existierenden Netzwerken ab. Vermeintliche Ausschlusstaktiken haben meist überhaupt nichts mit Taktik zu tun. Die Leute haben einfach nicht genügend Zeit oder Kraft, nach neuen Stimmen zu suchen.«

Juan José Díaz Infante fragte später: »Ist ein Kurator von der Definition her ein Prüfer, ein Wächter der Kunst, ein Aufseher der Kommunkation?« Pablo Helguera fand, die Rolle der Kuratoren würde meist zu negativ gesehen. »Kuratoren wie Museen ... sind notwendig, um die Kluft zu überbrücken, die in der Kommunikation zwischen Künstler und Publikum oftmals existiert.«

Britta Erickson kam einen Monat später auf das Thema zurück und vertrat im Grunde dieselbe Meinung: »Kuratoren können sowohl dem Künstler als auch dem Publikum dienen, wenn sie als effektive Verteidiger des Künstlers und als Vermittler für das Publikum agieren. Sie müssten das in unaufdringlicher Weise tun, damit sie sich nicht zwischen das Publikum und dessen direkte Erfahrung mit den Kunstwerken stellen. Und der Kurator oder Kritiker müsste in der Lage sein, dem Publikum den Entstehungsprozess des Kunstwerks aufzuzeigen, falls dieser wichtig für das Verständnis eines bestimmten Werkes ist.«
Die Frage, wie das Publikum Zugang zu Kunstwerken finden kann, ist für Erickson von besonderem Interesse, da sie in Englisch für ein englischsprachiges Publikum über chinesische Kunst schreibt. »Das bringt mich in die fragwürdige Lage, eine Kultur zu interpretieren, in die ich nicht hineingeboren wurde.« Sie denkt, dass sie das durchaus kann und widersprach damit dem Standpunkt eines chinesischen Kritikers, der in einem Artikel geschrieben hatte, Leute aus dem Westen können chinesische Kunst nicht verstehen. Erickson hatte ihm eine Entgegnung geschickt, aus der sie einige Passagen zitierte.

Raul Ferrera-Balanquet ergänzte dazu u.a.: »Was mich an 'guten Kuratoren' fasziniert, ist ihre Fähigkeit, die hintergründigen Beziehungen zwischen Werken verschiedener Kulturen und Künstler zu sehen.« Was er damit meinte, erläuterte er am Beispiel des britischen Film- und Videokurators Mark Finch. Die Fragen, die er Erickson zu ihrer Arbeit stellte, sind zugleich von allgemeinerer Relevanz: »Bist du dir dessen bewusst, dass durch den Prozess der Übersetzung eine neue Interpretation stattfindet? Wie gehst du mit deinen Übersetzungen um, wenn du weißt, dass sozio-linguistische und kulturelle Referenzpunkte durch diesen Prozess missverstanden und verlorengehen können? ... Wenn du solche Übersetzungen machst, sprichst du dann über das Objekt oder den Kontext, in dem das Objekt geschaffen wurde, über die mit dem Objekt verbundene Geschichte oder die psycho-emotionalen Erfahrungen des Produzenten des Objekts?«

Schon im Zusammenhang mit Olu Oguibes Erläuterung der Strategie von Chris Ofili hatte Beral Madra, die selbst Kuratorin ist, gegen ein von ihr sowohl in der Arbeit von Künstlern als auch in der Tätigkeit von Kuratoren erkanntes Phänomen polemisiert: »Und wie in Ofilis Werk haben wir die Geschichte des 'Benutzens nicht-westlicher Künstler, um Aufmerksamkeit zu erregen' viele Male gesehen. Seit dem Anfang der 90er Jahre haben 'clevere Emigranten-Künstler' verstanden, dass ihre Zeit gekommen ist. Sie haben die Bedürfnisse der zeitgenössischen Kunstindustrie analysiert und begonnen, Werke zu produzieren, die die Wünsche und Meinungen westlicher Betrachter über den Nicht-Westen metaphorisch reflektieren! Umgekehrt sind die westlichen Kuratoren seit geraumer Zeit dabei, die entlegenen Kunstszenen zu entdecken, um sie für die Erfüllung ihrer EGOs zu benutzen. Wenn dieses Syndrom der 'nicht-westlichen Ausstellungen westlicher Kuratoren' genauer untersucht und diskutiert würde, wäre das so skandalös, wie die Sensation-Veranstaltung!« Als Beispiele nannte sie die von Kasper König kuratierte Israel-Biennale in Jerusalem und Paolo Colombos Istanbul-Biennale. Auf den Symposien zu den Biennalen würden solche heiklen Fragen nie angesprochen werden, doch dank des Internet sei es glücklicherweise möglich geworden, darüber in einem größeren Rahmen zu diskutieren.


Kuratieren / Ausstellen im WWW

Nachdem Christy Sheffield Sanford ihr Web-Projekt »My Millennium« vorgestellt hatte, fragte Pat Binder »ob es webspezifische Modalitäten für das Kuratieren und Ausstellen im WWW geben sollte. Online-Zeit kostet Geld, deshalb nimmt sich das Publikum normalerweise nicht die Zeit, tatsächlich alle Werke anzuschauen.« Doch gerade weil das Publikum aus aller Welt kommt, sei es besonders wichtig, auch Kontextinformationen zu den Künstlern und Werken zu veröffentlichen. Sheffield Sanford ergänzte, man könne »die Involvierten bitten, technische und künstlerische Aspekte ihrer Werke in einleitenden Notizen anzusprechen.«

Daraufhin berichtete Janet Swartz über einen Vortrag von Benjamin Weil, Direktor für Neue Medien im ICA London und Mitbegründer von Äda'web, im Museo de Monterrey in Mexiko und nannte einige Punkte daraus. Weil kuratierte die 2. Ausgabe von »Virtuelle Touren: Thematische Vorschläge im Internet über Kunst«, einem Projekt der Mediathek des Museums. Unter dem Titel »Readme.txt - Browsing online art: An exploration of various directions in networked art projects« veröffentlichte er einen Essay, Abbildungen und Links zu Kunstprojekten im Web. Seine Arbeit ist auf der Website des Museo de Monterrey in Englisch und Spanisch zu finden.

Raul Ferrera Balanquet, der in Mexiko lebt, kritisierte bei dem Projekt des Museo de Monterrey das »Fehlen von mexikanischer, latino und lateinamerikanischer Web Art, obgleich der Kurator doch sagte, dass er vom Grad der Technologie, den er im ländlichen Mexiko vorfand, fasziniert war«.

Juan José Díaz-Infante unterstrich, Raul's Kommentar »weist auf den Komplex hin, dass nur das gut ist, was importiert wird. Es ist der Komplex der 'industriellen' Beziehung zwischen der Ersten und der Dritten Welt«. Abschließend schreibt Díaz Infante: »... Ein Kurator von irgendeinem Kunstzentrum in London wird niemals in der Lage sein, eine Kultur auch nur zu begreifen, die auf Grund ihrer schieren Alltagsrealität sein Verständnisvermögen bei weitem übersteigt. Es ist die einfache Tatsache, dass ihm der Referenzrahmen fehlt, unsere Kunst zu entschlüsseln.«

Im Anhang zu dieser Zusammenfassung finden Sie eine Liste von Kunstprojekten im Netz, über die im Forum informiert wurde. In den meisten dieser Postings berichteten die Kuratoren und Künstler über ihre konkreten Erfahrungen beim Zustandekommen der Projekte.


Chinesische Kunst

Im Dezember 1999 fand ein interessanter Austausch zwischen Josette Balsa und Britta Erickson über chinesische Kunst statt, an dem sich auch einige andere Teilnehmer beteiligten. Wer sich für dieses Gebiet interessiert, findet in den jeweiligen Postings wichtige Informationen und Reflexionen. Es ging dabei u.a. um Arbeiten von Gu Wenda und Xu Bing. [siehe u.a. Balsa /16.12., Knote, Erickson / 20.12., Balsa / 22.12., Erickson / 22.12.]


Wesen der Kunst

Während der Monate, die hier resümiert werden, fand ein anhaltender und oftmals kontrovers geführter Verständigungsprozess über das »Wesen der Kunst« statt, der im Dezember noch einmal gesondert thematisiert wurde. Im Grunde wäre das ein Forum für sich. Es würde den Rahmen dieser Zusammenfassung sprengen, wollte man auf die vielfältigen Facetten und Richtungen der Debatte genauer eingehen. Deshalb seien hier nur wenige Stichpunkte genannt:
Unter anderem ging es um Kunst als ein Spiel, als Lüge, als Mythos und als Aktion. Diskutiert wurde auch über Zusammenhänge von Kunst und Kommunikation sowie über Kunst und Politik (z.B. wie politisch ist Kunst). Eine weitere Frage war, inwieweit Kunst überhaupt »verstanden« werden kann und wer dazu in der Lage ist.

Eine Bemerkung von Tom Vincent macht deutlich, wie schwierig ein solch weites Thema zu fassen ist, deshalb soll sie abschließend zitiert werden: »Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob überhaupt irgendwo ein wahres Verständnis möglich ist, schon gar nicht bei der so glitschigen Sache, die wir 'Kunst' nennen. Vielleicht können wir nur 'machen' und dann noch mehr 'machen' - und das die ganze Zeit in dem Bemühen, unsere Augen für das Unerwartete offen zu halten - und in der Richtung kämpfen, die uns Satori zu bringen scheint.«
[Satori - Erleuchtungs-Erfahrung im Buddhismus und im Zen: das absolute Verständnis der Zusammensetzung und der Wahrheit des Universums und des menschlichen Seins]

Siehe u.a. folgende Postings: Díaz Infante / 8.10., Díaz Infante / 8.12., d'Alpoim Guedes / 10.12., Davin / 12.12., Díaz Infante / 12.12., d'Alpoim Guedes / 13.12., Vincent / 13.12., Ferrera-Balanquet / 13.12., Díaz Infante / 14.12., Braumüller / 14.12., d'Alpoim Guedes / 15.12., Vincent / 15.12.


Siehe auch die Liste der präsentierten Projekte und Informationen.


Zusammenfassung: Gerhard Haupt

© Haus der Kulturen der Welt, Januar 2000


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