Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin

  1998    1999:    12344-2[ 4-3]4-4 english  |  español
 
Einblicke in die Debatte:
September bis Dezember 1999
  -  Teil 3
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Freiheit der Kunst / Demokratie Inhalt

Als Beispiel für Repressionen gegenüber einer engagierter Kulturarbeit brachte Hans Braumüller den Fall Humberto Nilo zur Kenntnis. Er schickte ein Schreiben mit (in Spanisch), in dem Nilo seinen Fall dokumentiert [englische Übersetzung siehe Pat Binder] und informierte über eine internationale Protestkampagne. Nach einer Mail Art Aktion für die Freiheit der künstlerischen Ausbildung war Humberto Nilo als Direktor und Professor der Abteilung bildende Kunst der Universität von Chile entlassen worden.
[siehe auch Katz und Braumüller]

Weitere Teilnehmer sahen Parallelen zum diesem Fall in anderen Teilen der Welt, wobei auch Widersprüche zwischen dem demokratischen Anspruch und der Realität in den USA angeführt wurden und es zu einer Debatte über Demokratie und Freiheit im Allgemeinen kam. [siehe u.a. Ferrera-Balanquet, Zetina, Schiavone, Isseroff, Ferrera-Balanquet]
Diskussion über »Sensation« Inhalt

Im Kontext des Austauschs über den Fall Humberto Nilo erwähnte Juan José Díaz Infante, dass der Bürgermeister von New York dem Brooklyn Museum die Zuwendungen der Stadt entziehen wollte. Damit wurde die Ausstellung »Sensation«, um die es dabei ging, zum Ausgangspunkt einer lang andauernden Diskussion im Forum. Anfangs streiften daran Beteiligte die Frage öffentlicher Finanzierung von Kunst [siehe u.a. Marquez, Isseroff, Díaz Infante, Drew, Drew, Marquez, Sheffield Sanford, Ellis] und erörterten die Ausstellung und die Saatchi-Sammlung als Marketingphänomen.

An einem Punkt der Debatte wurde deren starke Konzentration auf New York kritisiert, obwohl doch der Austausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik und Lateinamerika im Zentrum des Forums stehen sollte [siehe Machan, Drew]. Andere Teilnehmer entgegneten, es müßten sich eben mehr Mitglieder der Liste zu Wort melden [Oguibe] und forderten zu einer größeren Vielfalt der Äußerung auf [Drew]. Wie sich aber schon bald zeigen sollte, verzweigte sich der Meinungsaustausch zunehmend in die unterschiedlichsten Richtungen und nahm sowohl spezifische Phänomene in anderen Kulturen (z.B. China) als auch allgemein interessierende Fragen auf, wobei verschiedene Themen und Aspekte ineinander übergingen.

Es ist hier unmöglich, den Fluss dieser Diskussion in der gebotenen Kürze zu resümieren, deshalb sollen im Folgenden zentrale Punkte herausgegriffen werden, die zum Teil aber auch losgelöst von »Sensation« und an anderer Stelle des Forums erörtert wurden.
Aufmerksamkeit finden / Marketingstrategien Inhalt

Nachdem Christy Sheffield Sanford dagegen protestiert hatte, dass die »bad guys« der Kunst mehr Aufmerksamkeit finden, als Künstler, die es wirklich verdient hätten, wurde über dieses Phänomen im Kontext der Mechanismen der Medien und der Marketingstrategien im Kunstbereich diskutiert. Charity Ellis rief den im Grunde ähnlichen Skandal um Andrew Serranos »Piss Christ« vor knapp 10 Jahren in Erinnerung und meinte, die »bad guys« würden nicht nur das Interesse der Medien, sondern auch das der Politiker finden, was wiederum Auswirkungen auf den Zugang zu finanziellen Mitteln haben kann.

Juan José Díaz Infante schickte ein Posting mit dem provozierenden Betreff »Lady D was a prostitute«, in dem es u.a. um die »Kunst des Erzielens von Aufmerksamkeit«, um die Vergabe öffentlicher Mittel (u.a. am Beispiel Mexikos) und um Marketingstrategien in der Kunst ging. Als Antwort darauf wies Gerhard Haupt auf Michael H. Goldhabers Texte über die Produktion und Distribution von Kunst in den Verhältnissen einer neuen »Aufmerksamkeitsökonomie« hin [veröffentlicht seit 1996 im Online-Magazin Telepolis - siehe Links im Posting]. Darin geht es u.a. um die Anstrengungen, die heutzutage unternommen werden müssen, um am immer knapperen Gut der Aufmerksamkeit teilzuhaben, und um die ökonomischen Vorteile derjenigen, die es geschafft haben, »Stars« zu werden.

Pat Binder steuerte einige von ihr übersetzte Passagen aus dem Essay von Luis Camnitzer »Die Korruption in der Kunst / die Kunst der Korruption« bei (veröffentlicht in Universes in Universe). In seiner vielschichtigen Reflexion über die komplizierten Daseinsbedingungen des Künstlers bewegte Camnitzer u.a. die Frage, wie »man die Korruption benutzen kann, ohne sich korrumpieren zu lassen«. Binder zitierte eine der Antworten, die er sich selbst gab: »Es gibt keine Lösung für das Dilemma und als Konsequenz habe ich mir eine moralische Struktur zusammengebaut, die ich letztlich 'ethischer Zynismus' nannte. Das Wesentliche an dieser Position basiert auf dem Gedanken, dass es besser ist, sich wissentlich zu prostituieren, als dasselbe unbewusst zu tun. Im ersten Falle ist es Strategie, im zweiten Korruption. Als Strategie nutzt sie mir, eine Grenze kurz vor ihrem Überschreiten zu identifizieren, und deshalb erlaubt sie mir bis zu einem gewissen Grade die Umkehrbarkeit dieses Aktes. Wenn es sich aber um Korruption als Produkt des Unbewussten handelt, ist man genötigt, sich in einer Rhetorik der Rechtfertigung zu ergehen, ohne die Möglichkeit zu haben, selbst die Verantwortung für die Entscheidung zu übernehmen.«

Francisco Córdoba schloss daran an, als er seine »Verkaufsstrategien« und seine Sicht von »Kultur, Ethik und Ästhetik« darlegte. Oft sei es nicht einfach, beide Aspekte miteinander in Einklang zu bringen. Schon zuvor hatte Donna Hand Lee über ihre Arbeit als Marketingberaterin für Kunst berichtet. Dazu gehört, bildende Künstler hinsichtlich ihrer »Geschäftsentwicklung« zu beraten, damit sie mehr Zeit für den kreativen Prozess haben.

Tom Vincent vertrat die Ansicht, »zum Job des Künstlers gehört das Marketing. ... Die Auseinandersetzung zwischen den Standards des Künstlers und denen der Gesellschaft ist ein vitaler Teil der Arbeit des Künstlers.« Das träfe aber im Grunde für jeden zu. Ami Isseroff war damit nicht einverstanden. Man solle nur an die Künstler denken, die unter einem repressiven Regime arbeiten mussten, oder an die Wissenschaftler, deren Ideen verloren gegangen sind oder unterdrückt wurden. Anerkennung schon zu Lebzeiten sei nicht immer eine Frage des Talents, sondern manchmal nur des Glücks oder des Geschicks und der Energie in Sachen »Marketing«.

Kim Machan hob erneut hervor, dass die Nutzung des Internet Künstlern neue Kanäle zum Publikum und neue Netzwerke für eine Einflussnahme erschließen kann. Und Marketing habe schließlich mit dem Zugang zum Publikum zu tun.
Künstler, Freiheit, Bürgerpflicht Inhalt

Der Zorn des New Yorker Bürgermeisters Giuliani auf die Ausstellung »Sensation« entzündete sich besonders am Bild »Die Heilige Jungfrau Maria« (1996) von Chris Ofili, in dem der Künstler Elephantenmist auf das sakrale Motiv setzte. In einem Posting analysierte Olu Oguibe minutiös die künstlerischen Ausgangspunkte Ofilis. Dabei entzauberte er die sich auf Afrika berufende Selbstmystifizierung des in England geborenen Künstlers und legte dar, mit welchem Geschick für Selbstpromotion dieser beharrlich den Erfolg suchte.

In einem weiteren Beitrag hinterfragte Oguibe die Sicht der Weiblichkeit und gerade der schwarzen Frau in dem von den einen heftig attackierten und von den anderen verteidigten Bild Ofilis. Er könne sich nur darüber wundern, dass ausgerechnet eine solche Darstellung zur »Ikone der kulturellen Gemeinschaft im Kampf gegen staatliche und religiöse 'Intoleranz'« wurde.

Besondere Beachtung verdient auch die dritte Email von Olu Oguibe zu diesem Thema. Der längere Text sollte in Gänze gelesen werden, damit nichts von der Argumentation verloren geht. Oguibe vertiefte seine Analyse von Ofilis Strategie der Provokation und zeigte die Instrumentalisierung des Skandals in New York. Davon ausgehend setzte er sich äußerst kritisch mit der »Selbstbezogenheit« des Kulturbetriebs und der Auffassung auseinander, ein Kunstschaffender hätte eine »größere Ausdrucksfreiheit als der Rest«, was er das »Ich-bin-heilig-weil-ich-ein-Künstler-bin Syndrom« nannte. Einer der Kerngedanken seiner Reflexion über das »Verhältnis von Künstlern zur Öffentlichkeit und zum Staat im Allgemeinen« lautet: »... selbst wenn Zensur inakzeptabel ist, so gehört es dennoch zu den Bürgerpflichten der Künstler als Mitglieder der Gesellschaft und nicht als Götter, empfindsam gegenüber ihrem Umfeld zu sein und die wechselnden Sensibilitäten ihres Publikums zu bedenken, vor allem wenn sie die Absicht haben, ihre Arbeit diesem Publikum näherzubringen.«

Um die Verantwortung von Künstlern ging es im Forum auch später, als Britta Erickson den Einfluss von »Sensation« auf junge chinesische Künstler schilderte. Obwohl sie die Ausstellung nicht gesehen hatten, kannten sie doch den Katalog und trieben die Schockeffekte zum Teil noch weiter. »Wo britische Künstler Installationen mit toten Tieren machten, waren Chinesen fähig, tote Menschen und lebende Tiere zu benutzen«. Erickson wies auf Fotos entsprechender Werke im Netz hin.

Nachdem Christy Sheffield Sanford solche Grausamkeit rigoros abgelehnt hatte, erwiderte Tom Vincent: »'Grausamkeit' ist einer von vielen Bausteinen, die zeigen, wie wir Menschen sind, und deshalb ist sie eine wichtige Ressource für Künstler.« Der Wert, der dem individuellen Leben beigemessen wird, sei in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Persönlich teile er zwar Sheffield Sanfords Gefühle hinsichtlich solcher künstlerischen Praktiken, »aber ich bin auch sehr skeptisch gegenüber den Menschenfreunden, nicht so sehr angesichts dessen, was sie tun, sondern vielmehr angesichts dessen, was sie nicht tun oder nicht in Betracht ziehen. Bevor wir urteilen, müssen wir sehr sicher sein, dass unsere Position wirklich die richtige ist.«

José Tlatelpas fand, oft sei es so, dass »Künstler ohne genügend Meisterschaft, Botschaft oder einem ästhetischen, geistigen, kulturellen Beitrag versuchen, Lärm zu machen, indem sie das Mittel des Skandals nutzen. Es ist ein Weg, Aufmerksamkeit zu suchen ...«
Zensur Inhalt

Zunächst gab es eine Auseinandersetzung darüber, ob die Absicht des New Yorker Bürgermeisters, dem Brooklyn Museum auf Grund der »Sensation«-Ausstellung die öffentlichen Mittel zu entziehen, ein Akt der Zensur [siehe Díaz Infante und Drew] oder aber eine nicht als Zensur zu bezeichnende Einmischung der Politik in die Kunst ist [Isseroff]. Später erkundigte sich Chris Drew nach Fällen von Zensur in anderen Teilen der Welt und fügte Fragen u.a. zur Macht von Kuratoren, staatlicher Kontrolle und dem Einfluss der Kunstszene auf »lokale Denkmuster« hinzu.

Raul Ferrera-Balanquet brachte ein Beispiel aus Mexiko, meinte aber, am schlimmsten sei dort die Selbstzensur von Künstlerinnen und Künstlern. Zwischen Kim Machan und Dianne d'Alpoim Guedes gab es einen kurzen Disput über die Situation des Internet in Australien und die Auswirkungen neuer Gesetze auf Kunst-Websites. Machan informierte auch darüber, dass die geplante Präsentation von »Sensation« in der Australian National Gallery wegen des Skandals in New York abgesagt worden war. Obzwar es keine Zensur sei, wollte Fran Ilich den Aspekt von »Exklusivität und Ausschluss« in die Diskussion einbringen. Was er damit meinte, erläuterte er am Beispiel des von Laboratorios Cinemátik organisierten 1st Cyberculture Festival in Latin America in Tijuana. Francisco Córdoba sah in Repression die schlimmste Form der Zensur und brachte dafür ebenfalls Beispiele.

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Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/2000

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