Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin

  1998    1999:    1234[ 4-2 ]4-34-4 english  |  español
 
Einblicke in die Debatte:
September bis Dezember 1999
  -  Teil 2
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Schrumpft das Web? Inhalt

In einem 1999 viel zitierten Bericht der Los Angeles Times hieß es, das Web wachse zwar weiter stark an, doch die Nutzer konzentrieren sich zunehmend auf wenige Top-Sites, statt neue Websites zu erkunden. Gerhard Haupt fragte, ob das tatsächlich so ist oder ob es auf Grund steigender Nutzerzahlen lediglich prozentuale Verschiebungen gibt. Welche Chancen haben kulturelle Websites jetzt und in Zukunft überhaupt noch, die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums zu finden, das sich nicht der Mühe unterzieht, danach zu suchen?

Ami Isseroff nannte Gründe, weshalb die Feststellung der Los Angeles Times zutreffend ist, u.a.: Einsatz großer Summen für Werbung und die Nutzung modernster Technologien, womit kleinere Betreiber nicht konkurrieren können; technische Grenzen und gewinnorientierte Politik von Suchmaschinen; veränderte Nutzertypen und -interessen. Er gab konkrete Empfehlungen, wie Besucherzahlen gesteigert werden können. Chris Drew meinte, der einzige wirkungsvolle Weg, einer kleineren Website einen dauerhaften Platz im expandierenden Internet zu verschaffen, ist der Aufbau einer Community und das Wachhalten ihres Interesses.

Um die Bedeutung eines effektives Web-Marketings auch für kulturelle Websites zu unterstreichen, nannte Gerhard Haupt einige Punkte aus der Studie von Steve Lawrence und C. Lee Giles (NEC Research Institute) »Accessibility and Distribution of Information on the Web«, die am 8. Juli 1999 im Magazin »Nature« veröffentlicht wurde und dem Bericht der Los Angeles Times zu Grunde liegt. Sie belegt u.a., dass die 11 größten Suchmaschinen nur etwa 42% der zu diesem Zeitpunkt ca. 800 Millionen Seiten im Web erfassen.
Gemeinsame Website / Linkliste Inhalt

Schon mehrfach hatte es Vorschläge für gemeinsame Projekte der Teilnehmer des Forums gegeben (siehe Auswertung 1998: Neue Projektvorschläge). Jetzt regte Heidi J. Figueroa Sarriera eine kollektive Website zu »Möglichkeiten, praktischen Strategien und theoretischen Aspekten der Nutzung des Internet im Kulturbereich« an. Im Laufe der weiteren Verständigung (auch über diesbezügliche Schwierigkeiten) einigte man sich darauf, eine gemeinsame Linkliste zu erstellen. Doch nur wenige Teilnehmer sandten dafür tatsächlich Linkvorschläge ein, so dass Gerhard Haupt schrieb: »Vielleicht ist der Austausch über dieses Thema wichtiger als das eigentliche Resultat.«
[siehe auch Isseroff und Hewison]
Präsentierte Projekte, Informationsaustausch Inhalt

Letztlich hat sich bestätigt, worauf schon früher hingewiesen wurde: das eigentliche Gemeinschaftprojekt ist das Forum selbst. Dazu gehören die zahlreichen Hinweise auf andere Projekte sowie die Links und Buchtipps, die im Zuge eines fortwährenden Informationsaustauschs geschickt wurden. In der Mehrzahl handelt es sich um konkrete Beispiele für die Nutzung des Internet im Kunst- und Kulturbereich. Oft ist deren Präsentation mit Bemerkungen zum thematischen Kontext der gerade aktuellen Diskussion im Forum verbunden.

Solche Postings aus der Zeit von September bis Dezember sind auf einer gesonderten Liste zusammengefasst.
Zugang zum Internet Inhalt

Erneut kam das Problem beschränkter Netzzugänge in weiten Teilen der Welt zur Sprache. Jetzt wurden allerdings mehr Beispiele dafür genannt, wie die Nutzung des Internet gefördert werden könnte.

Partha Pratim Sarker schickte den Artikel »When a modem costs more than a cow« von Shahidul Alam aus Bangladesh. Ausgehend von einem kurzen Rückblick auf den Einsatz von Technologie und Sprache als Herrschaftsinstrumente in seinem Land schildert Alam, wie es die Agentur Drik seit 1994 geschafft hat, Netzwerke und neue Informationsstrukturen aufzubauen. Auch andere Teilnehmer nannten Möglichkeiten, das Internet selbst in Ländern mit unterentwickelter Telefon-Infrastruktur einzusetzen.
[Siehe u.a. Isseroff, Schmidt, Sheffield]

Zwei Monate später berichtete Tom Vincent über eine Initiative, die gebrauchte Krankenhausausstattungen in ärmere Länder schickt, und fragte nach Ähnlichem für Computer und Internetzugänge. Ergänzend nannte er Links zu kostenlosen Providern in Europa und einer Initiative in Großbritannien, die ausrangierte Computer aus der Industrie an Schulen weitergibt.

Josette Balsa empfahl, Sponsoringleistungen bei Firmen nicht privat, sondern im Namen einer Gruppe, am besten einer Institution oder Vereinigung, zu beantragen. Auf die Frage von Cristina Jadick, ob Computer nicht ähnlich wie Telefone in öffentlichen Räumen aufgestellt werden könnten, brachten Susan Marquez und Anjali Arora Beispiele aus Kalifornien und Indien.
Fernsehen und Internet Inhalt

Kim Machan wollte wissen, ob ihre Erwartung, das Internet würde in Asien eine ähnliche Verbreitung wie das Fernsehen finden, von anderen geteilt wird. Susan Marquez äußerte daraufhin »lasst uns hoffen, dass das Internet das Fernsehen ersetzt«. Besonders ihre Aussage, »das Fernsehen hat sich in vieler Hinsicht als verheerend erwiesen. Internet-Fernsehen kann nur der nächsten Generation helfen, die Einseitigkeit der Fernsehguckens zu vermeiden«, löste heftigen Widerspruch aus.

Ami Isseroff warnte vor der »Annahme, dass die Natur der Menschen, ihre Interessen und ästhetischen Anschauungen besser sind, als es angesichts des Fernsehens zu erwarten wäre, und der Hoffnung, das würde sich schon zeigen, wenn sie nur zu einem interaktiven Medium wie dem Internet übergingen.« Und weiter: »Es ist ein Aberglaube des 20. Jahrhunderts par excellence, dass technische Verbesserungen den Inhalt unseres Lebens zum Besseren wenden. ... Die Rettung wird nicht durch bessere Apparate kommen.«

Olu Oguibe war mit der Verteufelung des Fernsehens nicht einverstanden und hielt ihr diverse negative Aspekte des Internet entgegen. Bei anderen Teilnehmern ging es darum, inwieweit das Fernsehen die Realität des Lebens widerspiegelt oder ob es lediglich kommerziellen Interessen dient, so wie das auch zunehmend von den Angeboten im Internet zu erwarten ist [siehe u.a. Isseroff und d'Alpoim].

Im Zusammenhang mit diesem Thema wurde auch wieder auf die Gefahr einer Homogenisierung der globalen Kultur und des WWW hingewiesen [siehe Isseroff]. Tim Bigelow erinnerte aber daran, dass das Internet mit einer pluralistischen, multikulturellen Erwartung verbunden war und wohl auch noch ist. Genauso wie die biologische Vielfalt geschützt wird, gibt es ebenso Individuen und Organisationen, die die kulturelle Vielfalt verteidigen. »Ihre Anstrengungen sollten unterstützt werden.«

Als Susan Marquez die Ansicht vertrat, man könne durch die Verbindung von Fernsehen und Internet zumindest sofort die Glaubwürdigkeit der gesendeten Informationen überprüfen, widersprach ihr Isseroff erneut energisch. Marquez schlug auch vor, darüber nachzudenken, ob man nicht das Prinzip des Merchandising für mit bestimmten Fernsehserien verbundene Produkte auf den Kunstbereich übertragen könnte, so etwa zu »Infotainment«-Programmen für Kunst und Kultur.
Künstler und Internetnutzung Inhalt

Selbst dort, wo bereits gute Zugangsmöglichkeiten zum Internet existieren, wird das Medium nur von relativ wenigen Künstlern genutzt. Chris Drew geht davon aus, dass in den USA möglicherweise 90% oder mehr der Künstler noch nicht online sind. Er schilderte, was die von ihm geleitete Initiative ART-ACT tut, um diese Situation zu ändern. Anjali Arora schrieb dazu, auch in Indien gäbe es viele Künstler mit Berührungsängsten gegenüber dem Internet und erläuterte das. Allerdings relativierte Drew seine Aussagen etwas später, indem er Nachteile des Computers gegenüber »handgemachter« Kunst anführte und diesen als ein elitäres Instrument für Kunst bezeichnete. Der Nutzen des Internet für Künstler läge in erster Linie darin, ihre Kunst selbst bekanntmachen zu können.

Raul Ferrera-Balanquet schickte ein langes Posting über Probleme, mit denen sich Künstler in Mexiko und Lateinamerika, die das Internet nutzen wollen, konfrontiert sehen. Christy Sheffield Sanford fand darin Parallelen zur Situation vieler Künstler vor allem im Süden der USA.

Peter Toy stellte die Metapher des Internet als eines »künstlichen Gedächtnisses, zu dem wir 'alle' gehören« in Frage. Viele gehörten eben nicht dazu, weil ihnen die Mittel, Kenntnisse und technologischen Voraussetzungen dafür fehlen, und würden das zunehmend als Nachteil empfinden. Zuvor hatte Toy die Meinung vertreten, Kunst im Netz sei »eine sich selbst genügende Institution« und Netzkünstler würden sich zu wenig mit Menschenrechten und »globaler Ethik« beschäftigen. Dem hielt Tom Vincent mehrere Beispiele politisch engagierter Netzkunst entgegen. Er schrieb, im Grunde seien bei Kunst im Netz dieselben Inhalte zu finden wie außerhalb.
Verantwortung gegenüber Nichtvernetzten Inhalt

Das Thema, ob und inwieweit im Internet agierende Kulturpraktiker die Realität außerhalb des Netzes und damit auch die Belange der nicht angeschlossenen aufnehmen und verantwortungsbewusst damit umgehen, wurde immer wieder einmal angeschnitten. In diesem Zusammenhang machte Pat Binder auf den Essay von Olu Oguibe (Mitglied in unserer Mailingliste) » Die Vernetzung und das Schicksal der Nichtvernetzten« aufmerksam, der am 6. Dezember 1999 im deutschen Online-Magazin Telepolis erschien. Darin erörtert Oguibe u.a. das Problem, dass die Nichtvernetzten von Diskussionen im Netz ausgeschlossen sind, in denen es um ihre Lebensbedingungen geht. »Als Folge entstehen innerhalb des Netzes Repräsentanten, die an Stelle der ausgeschlossenen Gruppierungen das Wort ergreifen. So bilden sich Stimmen, die für sich die Autorität in Anspruch nehmen, für die Anderen zu sprechen.«

Ami Isseroff bezog sich darauf, als er schrieb, »wir« hätten zu lernen, unsere eigene Meinung öffentlich in Frage zu stellen und das Nachdenken und die Kommunikation zu fördern, statt nur uns selbst und »unsere Sache« zu promoten.

Schon 2 Monate zuvor hatte Gerhard Haupt die Frage aufgeworfen, inwieweit die kulturelle Diaspora, die an Orten mit besseren Internetzugängen lebt, das Recht hat, im Netz als Repräsentant und Sprecher einer kulturellen Gruppe insgesamt aufzutreten.

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Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/2000

Projektleitung: Gerhard Haupt - haupt@uinic.de