Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin

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Einblicke in die Diskussion (9):  14. bis 22. Dezember 1998

Dieses ist die letzte Zusammenfassung vor der Pause der Debatte, die ab Mitte Februar 1999 fortgesetzt wird. Bis zum Abschluß der ersten Phase des Forums kamen noch einmal 24 Beiträge, darunter die folgenden:


Héctor Zetina äußerte sich erneut zu den Themen Globalisierung, Konsum und Armut und bezog sich dabei auf die Lage in seiner Heimat Mexiko. Sein Landsmann Juan José Díaz Infante meinte, in Ländern wie Mexiko, werden Armut und indigene Völker gleichgesetzt, und schrieb: "Armut ist ein aufgezwängter Wert der Wahrnehmung in unserer Gesellschaft." Sam de Silva hakte da nach und fragte: "Kann es sein, daß ich die Mail nicht ganz verstehe - aber soll das bedeuten, 'Armut' sei eine Konstruktion??" Er fügte polemisch zugespitzt hinzu: "Ich habe das Gefühl, viele Messages werden von Leuten in komfortablen Positionen geposted - Leute, die Kultur kommentieren ... aber ich denke, daß sind die Leute mit Macht." Díaz Infante antwortete ihm: "Armut hat mit einem konzeptionell konstruierten Kreislauf zu tun." Seine Behauptung "Wohlstand ist ein relativer Begriff" begründete er mit Beispielen aus der Geschichte und Argumenten aus Büchern von David Maybury Lewis und Alvin Toffler.

Joana Breidenbach war mit dem Statement nicht einverstanden, daß "die Wahrnehmung von Armut völlig von der Kultur abhängt". ... "Wie können diejenigen von uns, die im Westen leben negieren, daß unser relativer Wohlstand, unsere hohe Lebenserwartung und relative Freiheit nicht für jeden Menschen wünschenswert wären?" ... "Radikaler Relativismus, der daran festhält, daß die Gesellschaften so verschieden voneinander sind, daß kein Konzept (wie das Armut) übertragen werden werden kann, ist meiner Meinung nach falsch."

Juan José Díaz Infante brachte darauf zunächst ein Beispiel aus Oaxaca. Er erklärte: "Ich denke nicht, daß Du oder ich mit der Suche nach Gleichheit für alle nicht einverstanden wären, aber wir müssen an einem System tauglicher Prämissen arbeiten, um zu Schlußfolgerungen zu gelangen, die eine Chance haben, in das existierende System eingefügt zu werden." Weiter unten in seinem langen Beitrag hieß es: "Ich will versuchen, meine Auffassung deutlicher zu machen ...: Das Medium (die Ordnung des ökonomischen Systems / der Kreislauf) ist saturiert, es gibt keinen Raum mehr für Bewegung, die politischen Formeln sind gescheitert."

In ihrem schon erwähnten Posting bezog sich Joana Breidenbach auch auf Hans Braumüller. Im Zusammenhang mit dem Thema "Folklore und Tourismus" hatte Hans u.a. sein Projekt "Crosses of the Earth" im Kontext der Selbstbestimmung indigener Völker näher beschrieben. Er meinte auch: "'Folklore' nimmt den im Kampf für ihre Rechte engagierten Gemeinschaften Kraft weg..." und schloß: "Ich wünschte, eine indigene Gruppe könnte an der nächsten documenta oder irgendeiner Biennale teilnehmen, um die zeitgenössische Kultur auf diesem Planeten in Frage zu stellen." Joana entgegnete darauf u.a.: "Ich bin mit Deinem Statement einverstanden, daß indigene Künstler sehr oft darauf reduziert werden, 'Folklore' oder 'ethnische Kunst' zu produzieren, während die Mainstream-Künstler der Metropolen 'Kunst' machen. ... Aber dieses westliche Kunstsystem wird an vielen Fronten herausgefordert, und jüngste Ausstellungen (z.B. afrikanischer Kunst) zielten explizit auf diese Kategorisierung ab und stellten sie auf intelligente Weise in Frage."

Hinsichtlich der Amerikanisierung globaler Kultur hob Cynthia Beth Rubin hervor: "Amerikanische Kultur ist vielfältig und fliessend. Was exportiert wird ist das, was sich im Ausland verkaufen läßt, und nicht notwendigerweise das, was die die aktuelle Kultur der USA reflektiert..." Juan José Díaz Infante fügte dem hinzu, der "Export der 'amerikanischen Kultur' ist der Export eines Marketingsystems. ... Die Länder werden nur als potentielle Märkte angesehen. ... Politiker, Manager etc. nicht nur in den USA sondern überall auf der Welt sind so spezialisiert darauf ausgerichtet, daß ihr Handeln nichts mit der Sphäre zu tun hat, die wir 'kulturell' nennen."

Nils Zurawski lobte das hohe Niveau des Forums, vermißte nur bei der Diskussion über globale Kultur "die Auffassung von Globalisierung als eines rhetorischen Werkzeugs, als eines ideologischen und weniger empirischen Faktums. ... Ich glaube, daß globale Kultur eine Kultur der Repräsentation ist, der Kontrolle des Images und deswegen eine Kontrolle der Menschen und ihres Schicksals. ... Neue Informationstechnologien können zur Selbstbestimmung beitragen ..., aber sie können hinderlich werden, sobald Pförtner, wie Kuratoren, 'Helfer' im allgemeinen oder Medienrepräsentanten etc. die Kontrolle ausüben." Er äußerte sich auch zur Debatte über Armut.

Armando Molina, Herausgeber der Online Magazins "Voces" (Kunst, Literatur, kulturelles Leben) schilderte seine Erfahrungen beim Publizieren via Internet. Luis Cantillo und Lina Dorado stellten ihr Web-Projekt "Colombian Art Index" vor.

Viel Aufmerksamkeit fand der Vorschlag von Britta Erickson, das Haus der Kulturen der Welt möge eine "Internet-Ausstellung zu den Auswirkungen der Internet- bzw. schnellen Kommunikation auf die Weltkultur" ausrichten. Auch in einem zweiten Posting erwähnte sie einige Möglichkeiten, in welche Richtungen diesbezügliche Überlegungen gehen könnten.

Die Leitung des Hauses der Kulturen der Welt hat diese Idee mit großem Interesse zur Kenntnis genommen und bereits begonnen, sie zu diskutieren. In den nächsten Wochen wird sie im HKW weiter erörtert. Wenn die Debatte des Forums nach der jetzt folgenden Pause im Februar 1999 fortgesetzt wird, können zu diesem Thema konkretere Aussagen gemacht und zur Diskussion gestellt werden.


Zusammenfassung: Gerhard Haupt

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