Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin

   Einblicke: 1    2    3    4    5    6    7   < 8 >   9 english  |  español
 
Einblicke in die Diskussion (8):  07. bis 13. Dezember 1998

Obwohl die Ferienzeit zum Jahresende schon begonnen hat, kamen in der letzten Woche doch immerhin noch 17 Wortmeldungen zum Forum.

Zunächst äußerte sich Pedro Meyer in einer Antwort auf Sam de Silva erneut zum Thema Globalisierung und Werbung. "Jede Kampagne hat sich auf die Besonderheiten einer jeden Kultur, Altersgruppe, Geschlecht etc. etc. einzustellen." Auch hinsichtlich der Herstellung von Produkten stimmt es nicht, daß wir uns auf eine Ära des "ein Format paßt allen" hinbewegen. Die Geschäftswelt hat gar kein Interesse daran, "den Planeten mit den gleichen Werten für alle zu überziehen." ... "Wenn alles über das Internet passiert, so deshalb, weil es einen früher nie erahnten Grad an Individualisierung der Konsumption erlauben wird. Und das kann nicht geschehen, wenn nicht auch die kulturellen Werte berücksichtigt werden." ... "In ZoneZero haben wir Foren in englisch und spanisch, ... sie sind getrennt, und interessant ist, daß der Inhalt der spanischen Sektion von dem der englischen ziemlich verschieden ist, obwohl es um die gleichen Angelegenheiten geht."

Robert Schilder aus den Niederlanden schrieb kurz über Circle 24, einen weltweiten Kreis professioneller Fotografen, und schloß sich der Argumentation von Pedro Meyer mit weiteren Beispielen an.

Héctor Zetina fragte Meyer im Zusammenhang mit Coca Cola und anderen Unternehmen: "Warum nutzen diese großen Unternehmen dieselbe Botschaft für die ganze Welt, wenn die Menschen und ihre Kulturen so verschiedenen sind? ... so verschieden sind wir offenbar nicht ..." Selbst wenn "segmentierte Werbung" eingesetzt wird, "werden die Wege der Konsumption und der Ausübung von Macht in der Zukunft uniform sein, weil die Institutionen und deren Mechanismen in der ganzen Welt ähnlich sind."

Juan José Díaz Infante, der ebenfalls aus Mexiko kommt und "für verschiedene Kampagnen in Mexiko, den USA und Europa als Kreativdirektor und Berater" gearbeitet hat, schaltete sich in die Diskussion über Werbung ein. Er meinte, "wir sollten Begriffe, wie Marketing, Psychologie der Gestalt und Werbung, nicht durcheinanderbringen". ... "Welt-Kampagnen haben mit Faktoren, wie Synergie, Gestalt und Kosteneffizienz zu tun. Segmentierung des Marktes ist verschieden von Nischen- oder Direktmarketing ... das mit der richtigen Botschaft für die richtigen Leute zu tun hat."

Sam de Silva war mit einigen Auffassungen seiner Vorgänger zum Thema Werbung nicht einverstanden, während er andere unterstrich. Er schrieb u.a. "'die' wissen schon, wie sie unsere Verhaltensweisen kontrollieren - und das über alle Kulturen hinweg". Wie verschieden und kulturell angepaßt die Strategien der multinationalen Unternehmen auch sein mögen, am Ende steht für uns alle die gleiche Botschaft: "konsumiere dieses Produkt..." Im Forum zu diskutieren ist sein Vorschlag: "Als marginalisierte Produzenten von Inhalt ... sollten wir eine segmentierte Werbestrategie entwickeln, wenn wir irgendwie mit dem Inhalt der Massenunterhaltung konkurrieren wollen..." Diese und weitere Auffassungen im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Mainstream spitzte er polemisch zu und bat um Feedback.

Der Beitrag von Leandro Katz war so etwas wie eine persönliche Zwischenauswertung, mit der er hoffte, "eine stärker fokussierte und direktere Sprache für diese Diskussion zu finden (und vorzuschlagen)". Er betonte: "Email und Internet sind machtvolle Werkzeuge, um Statements, Petitionen und Anklagen der Verletzungen künstlerischer Freiheit und der Menschenrechte in Umlauf zu bringen." U.a. schlug er vor: "vielleicht sollte sich das ... Forum zumindest für einen Moment darauf konzentrieren, wie die Lage von Künstlern aus verschiedenen Teilen der Welt nicht nur in Bezug auf die sozialen, politischen ökonomischen Bedingungen ihrer Region ist, sondern auch wie sie von den nationalen und internationalen Kulturinstitutionen und Kunstspezialisten behandelt werden, die versuchen, sie zu kuratieren." Katz brachte Beispiele, wie dergleichen in den USA und anderswo schon versucht wurde. "Ich denke, daß die Grundbedingungen der Beziehungen zwischen Künstlern und Kulturinstitutionen offengelegt werden müssen, bevor ein produktiver Austausch von Ideen diskutiert werden kann." Auch er ist dafür, daß "vielleicht eine andere Sektion des Forums Vorschlägen für das Networking und dem Informationsaustausch zu verschiedenen praktischen Aspekten gewidmet sein sollte." Als gutes Beispiel für ein Diskussionsforum führte er eines für Filmemacher an. Abschließend schlug er vor, das von Francisco Córdoba erwähnte, bei der Kunstmesse von Bologna und der UNESCO in Paris präsentierte Dokument zu den Rechten der Künstler zu veröffentlichen.

Francisco Córdoba meinte, daß Aleksandra Ivir möglicherweise die englische Fassung dieses Dokuments besorgen könnte. Er fragte gerade angesichts des 50. Jahrestages der Erklärung der Menschenrechte danach, wie man die künstlerische Tätigkeit und das Internet nutzen könnte, um etwas gegen die Gewalt in der Welt zu tun. Zum Abschluß seiner längeren Ausführungen über den Nutzen, den er für sich in diesem Forum sieht, sprach sich auch Francisco dafür aus, sich mehr über praktische Lösungen für bestimmte Fragen und Probleme auszutauschen.

Alex Alsan stellte sich und sein Projekt "Berlin Sites" kurz vor, eine Internetplattform für den Austausch mit den Partnerstädten Berlins.

Anahí Cáceres aus Buenos Aires schilderte einige Probleme, mit denen sich diejenigen konfrontiert sehen, die in einem Land wie Argentinien den Einsatz der neuen Technologien im kulturellen Bereich fördern. Sie beschrieb ihr 1996 gestartetes Projekt "Arteuna" und hob dabei das positive Potential des Internet hervor, das aktiv genutzt werden muß.

Joana Breidenbach, eine in Berlin lebende Anthropologin und Autorin, brachte ihre Überlegungen zu einer globalen Kultur in die Debatte ein. Mit diesem Begriff solle man vorsichtig umgehen, meinte sie. "Gewisse Produkte, Dienste, Institutionen und Ideen sind globalisiert ... [aber] das bedeutet nicht notwendigerweise, das wir alle homogenisiert und kulturelle Unterschiede ausgelöscht werden. Menschen in aller Welt nehmen globale Einflüsse auf unterschiedlichste Weise auf." ... "Ich glaube, wir sind Zeugen der Entstehung einer globalen Kultur, die als ein neues weltweites Referenzsystem zu verstehen ist." ... "Wir werden nicht alle die gleichen, aber wir artikulieren unsere Unterschiede zunehmend in einer Weise, die von Menschen anderer Kulturen verstanden wird." Joana stellte den Zusammenhang zwischen nationalstaatlichen Strukturen und kultureller Differenz dar. Sie vertrat auch die Auffassung, daß "die Globalisierung des Konzepts 'Kultur' zu einem neuen Identitäts-Boom und einem Machtinstrument für Minderheiten geführt" hat. "Ich sehe mehr und mehr Belege dafür, daß nicht-westliche Gesellschaften ... die alten hegemonialen Strukturen herausfordern und ihre Beiträge zu den global gültigen Referenzbegriffen leisten."

Pedro Meyer, Anjali Arora und Britta Erickson pflichteten Joana zum Teil begeistert bei und ergänzten ihre Ausführungen durch eigene Erfahrungen und Ansichten. Hans Braumüller kritisierte allerdings ihre Sicht einer vermeintlichen Identifikation mit "nationaler Kultur" in Belize.

Darauf antwortete Joana Breidenbach im letzten Beitrag der Woche, indem sie ihre diesbezüglichen Aussagen präzisierte und differenzierte. Dabei ging es u.a. um die kulturellen Effekte des Tourismus. Als Fortsetzung ihres vorhergehenden Postings schrieb sie auch: "Ich denke, wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß die meisten Menschen heutzutage Teil der globalen Szene sein wollen und nicht als gefährdete Fossile behandelt werden möchten. Die wirkliche Herausforderung liegt darin, wie wir auf einen mehr gleichberechtigten Austausch hinarbeiten können." Sie beschrieb kurz zwei wichtige Wege, die sie diesbezüglich sieht: "1. ein gerechteres ökonomisches System; 2. die Stärkung eines ... 'globalen Bewußtseins'." Zum Schluß nannte sie einige Quellen zum Studium der Verbreitung und Aneignung von Coca Cola in verschiedenen Regionen der Welt.


Zusammenfassung: Gerhard Haupt

up
   Einblicke:
1    2    3    4    5    6    7   < 8 >   9
   Feedback   Möchten Sie sich in der Debatte äußern? Beachten Sie bitte, daß diese in englisch über eine Mailingliste stattfindet (siehe Modalitäten).

Um sich in diese einzutragen, schicken Sie eine Email an join-forum1@hkw.kbx.de oder geben Sie Ihre Angaben in das Formular ein. Erst nachdem Sie die Bestätigungsmail erhalten haben, können Sie aktiv am Forum teilnehmen.

Wenn Sie bereits Mitglied der Mailingliste sind, können Sie Ihre Meinung direkt an forum1@hkw.kbx.de schicken (bitte in englisch).
 zurück

Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/1999

Projektleitung: Gerhard Haupt - haupt@uinic.de