Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin

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Einblicke in die Diskussion (7):  30. November bis 06. Dezember 1998

Jetzt sind bereits 208 Mitgieder in die Mailingliste eingeschrieben und die Zahl der Beiträge zur Debatte (in der letzten Woche waren es 23) hat erheblich zugenommen. Auf Grund des ständig steigenden Interesses beschloß die Leitung des Hauses der Kulturen der Welt am Dienstag (1.12.98), das Forum fortzusetzen. Bis Ende Dezember soll es in der gegenwärtigen Form weitergeführt werden. Von Ende Dezember bis Anfang Februar wird eine Pause eingelegt, da Gerhard Haupt, der Moderator, auf Reisen ist. In dieser Zeit bleibt aber die Mailingliste aktiviert, d.h. es können alle bisherigen Beiträge und Texte, die auf der Website archiviert sind, auch auf der Email-Ebene abgerufen werden. Die Subskription als Mitglied der Liste bleibt ebenfalls uneingeschränkt möglich. Wir werden diese Unterbrechung auch nutzen, um die bisherige Debatte noch genauer zu analysieren und daraus stärker fokussierte Fragestellungen abzuleiten, die im Februar 1999 als Startzeichen zur Fortsetzung der Diskussion veröffentlicht werden.

Nachdem Gerhard Haupt die Fortsetzung des Forums bekanntgegeben hatte, wurde diese Entscheidung des HKW in zahlreichen Emails begrüßt. Im Forum selbst äußerten sich einige Teilnehmer dazu. Pedro Meyer meinte, zum Neustart im kommenden Februar sei es tatsächlich nötig, die Diskussion wieder "anzukurbeln", wozu der "Moderator" zunächst als "Animator" fungieren muß. Tom Vincent, der ein einführendes Statements geschrieben hatte, zeigte sich "etwas beschämt" darüber, daß er sich nicht mehr zu Wort gemeldet hat, und dankte all den Aktiven im Namen der "noch stillen Beobachter". Héctor Zetina aus Mexiko bestätigte, daß für ihn und sicher viele andere die englische Sprache und eine gewisse Schüchternheit das Haupthindernis für eine stärkere Beteiligung an der Debatte sind.

Andrey Martynov aus Novosibirks machte auf die Wanderausstellung "Folding Fans" aufmerksam, die er auf seiner Website präsentiert. In einem späteren Posting informierte er über die Konferenz "Internet, Gesellschaft, Persönlichkeit", die vom 1. bis 5. Februar 1999 in Sankt Petersburg stattfindet.

Charity Ellis berichtete über die Erfahrungen mit dem Internet, die sie zusammen mit Paul Jorgensen durch ihr Projekt "One People" gemacht hat. Auf ihren Reisen treffen sie Künstler und Vertreter von Kulturorganisationen, interviewen diese und veröffentlichen die zusammengefaßten Information auf der Website. Charity betonte den Charakter des Internet als eines Werkzeugs, "das nicht mehr als ein solches ist. Ein Werkzeug für die Kommunikation". Sie äußerte Unverständnis gegenüber dem "Grad an einfalls- und kraftlosem Pessimismus vieler Teilnehmer hinsichtlich des Potentials der Zukunft des Internet. Ich bin mir durchaus bewußt, daß die Nutzung des Computers NICHT überall möglich ist, doch ich stimme mit Olu Oguibe darin überein, daß sie es sein wird." Der Schlüssel müßte aber eher sein, "wie wir das Internet am Anfang des beginnenden Austauschs nutzen."

In einem kurzen Kommentar dazu zeigte sich Pedro Meyer verwundert darüber, daß bei Diskussionen über die Bedeutung des Internet immer wieder auf beschränkte Zugangsmöglichkeiten hingewiesen wird. "Könnte mir jemand ... mal sagen, ob es irgend etwas gibt, das JEDER hat?"

Sam de Silva hat während einer Reise durch Südostasien festgestellt, daß in den Touristenzentren der Internetzugang kein Problem war. Er wurde aber meist nur von den "Reisenden" benutzt, während die Ortsansässigen in der Rolle der unbeteiligten Zuschauer blieben. Sam würde sich gern an einem Projekt beteiligen, das es jungen Menschen in entlegenen Regionen der Welt ermöglicht, "ihre Kultur durch das Internet auszudrücken, wobei sie Video, Bilder, Ton und Text nutzen". Allerdings hat er diesbezüglich auch seine Zweifel, denn "wenn sie das Internet nutzen, würden sie vielleicht auch nur über die gleichen Sachen reden wie ich - Fernsehen, Shops und Geld". Ihn interessieren aber besonders die "Leute, die Lärm machen und vom Establishment als Problem angesehen werden" und für die das Internet "ein unschätzbares Werkzeug geworden ist, um unter Gleichgesinnten ... Geschichten auszutauschen, Beziehungen zu entwickeln und Strategien umzusetzen."

Pedro Meyer reagierte darauf, indem er einen "sehr nachdenklichen Nachruf, geschrieben von meinem Freund Shahidul Alam aus Bangladesh" schickte, von dem er glaubt, daß er mit vielen von Sam angerissenen Fragen zu tun hat.

Cristina Ferran Jadick, eine kubanisch-amerikanische Künstlerin, schrieb: "Durch das WWW (und diese Website) bin ich mit Erkundungen und Diskussionen in Kontakt gekommen, die bis dahin völlig außerhalb meines Blickfeldes lagen." Sie listete eine Reihe von Fragen auf, die sie zum Teil mit eigenen Antworten verband und zur Diskussion stellte, so z.B.: "Welches sind die potentiellen Vorzüge oder nachteiligen Effekte der Internet Globalisierung? Was kann getan werden, um die negativen Effekte zu kontrollieren bzw. zu minimieren? Wie können die Barrieren des Internetzugangs überwunden oder verringert werden? Welche kulturellen Wertesysteme werden über das Netz global verbreitet?"

Britta Erickson, begann ihren ersten Beitrag, indem sie die Vorstellung hinterfragte, "die Wirkung des Internet würde sehr verschieden von der früherer Kommunikations-Innovationen sein." Sie fragt auch: "Geht es um eine mögliche globale Gemeinschaft bzw. einen Diskurs oder ist der tatsächliche Austausch an sich das eigentlich bedeutsame?" Und weiter "... wird diese Kommunikation letztendlich wirklich so wichtig sein, in philosophischem oder materiellem Sinne?"

Angeregt durch die im Forum zum Ausdruck gebrachte Notwendigkeit, sich zur besseren Verständigung untereinander zunächst einmal selbst vorzustellen, beschreibt Britta Erickson in ihrem 2. Beitrag u.a. wie die Generation ihrer Kinder in den vernetzten Schulen des kalifornischen Silicon Valley mit einer Selbstverständlichkeit dieses Medium aufwächst. Und sie schildert auch, wie das Internet ihr selbst als Spezialistin für zeitgenössische chinesische Kunst neue Möglichkeiten einer effektiveren Arbeit eröffnete. Trotz allem ist sie skeptisch: "Ich bin mir nicht so sicher, ob ich mich mit der Idee anfreunden kann, daß es eine globalisierte Kultur gibt oder geben könnte."

Pedro Meyer antwortete ihr, daß sie sich darüber keine Sorgen machen müsse, denn "globale Kultur ist ebensowenig möglich, wie man all die Frauen und Männer der Welt dazu bringen könnte, gleich zu denken." Er ist sich sicher, daß "... mit der fortschreitenden Ausbreitung des Internet jede kulturelle Vertretung ihre eigene Präsenz im Netz haben wird, jede Gruppe mit ihrer eigenen Sprache und ihren kulturellen Werten sehr präsent sein wird." Um das zu bekräftigen, führte er aus, wie unterschiedlich die soziale Wahrnehmung eines Mc Donald's Hamburgers in der Welt sein kann. "Wenn wir sehen, daß solch ein armseliges Nahrungsmittel eine derartige Vielfalt an Interpretationen hat, wie ich sie beschrieben habe, könnt ihr euch vorstellen, was das Internet bieten wird?"

Sam de Silva stimmte mit Pedro Meyer dahingehend überein, daß es große Unterschiede zwischen den Menschen gibt. "... aber was mich beunruhigt ist, daß die Marketing-Kräfte (nicht die Markt-Kräfte) so effektiv in ihren weltweiten Kampagnen sind ... Sie scheinen verstanden zu haben, womit wir zu kriegen sind - was bestimmte Wünsche in uns weckt - was uns zum Konsum treibt." Im Zusammenhang mit dem Netz wies er darauf hin, daß immer mehr Leute an den "Zugangsportalen" interessiert sind. "Das sind Websites wie Yahoo!, die über Gateways - Portale - alles anbieten, was der 'globale' Nutzer erfahren will. Wenn es in Yahoo erscheint, muß es das sein, was du erfahren möchtest". Er schloß polemisch: "Und kulturelle Vielfalt muß weiter diskutiert werden - oder ist es die Vielfalt der Konsumenten, die weiter zu diskutieren ist?"

Ricardo Basbaum's Posting "Dialoge innerhalb und außerhalb des Netzes" fand großes Interesse. Angesichts einer Kommunikationsform, bei der wir uns nicht körperlich begegnen, fragte er: "was für eine Psychologie ist mit dieser begrenzten Art der Interaktion verbunden? ... die Mehrzahl der Messages konzentriert sich darauf, sich selbst zu beschreiben - in Selbst-Erklärungen mit der Absicht, sich vorzustellen. Sollen wir deswegen von ... Narzismus sprechen? ... Was diese Interaktion für jedermann so angenehm macht, ist das Gefühl eines weiten und offenen Raumes in den wir uns selbst einbringen können, in dem wir uns frei fühlen, das auszudrücken, was wir tun, wer wir sind, was unsere Auffassungen sind etc. Ist das Internet also ein Raum, um die Individualität zu entfalten?" Im WWW wetteifern die Sites in einer Art von "Verführungsspiel" um Aufmerksamkeit. Und so interessiert Ricardo auch an diesem Forum "die Möglichkeit, uns selbst in einem neuen Kommunikations-Spiel zu üben." Dabei erfinden wir "neue Praktiken der Verführung und Kommunikation, ... eine neue Psychologie, die die alten Kräfte der Anziehung, Ablehnung, Gruppenbildung etc. in Verbindung mit neuen Mitteln, einer neuen Pragmatik, einschließt (und verändert). Das ist das, was mich fasziniert."

Pedro Meyer meinte, es sei bei einer solchen Form des Dialogs nur normal und auch eine Sache der Höflichkeit, daß man sich zunächst einmal vorstellt. "Wenn das getan wird, kannst du von anderen das aufnehmen, was du diskutieren möchtest, und du weißt, wem du antwortest." "... aber warum geschieht das dann normalerweise nicht, dieses Antworten auf den anderen? Und hier ist, wie ich es sehe, ein Schlüssel zu diesem Thema." ... "Wir brauchen Zeit, und zwar eine Menge davon, um solche gegenseitigen, reziproken und multidimensionalen Dialoge zu entwickeln."

Cristina Ferran Jadick wollte dem noch etwas hinzufügen. "Wenn wir das Internet für die Kommunikation miteinander nutzen, haben wir nicht die üblichen visuellen (Gestik, Gesichtsausdruck, Körpersprache) und oralen ... Mittel zur Verfügung. Deshalb dient die autobiographische Information im Netz ... als ein funktionales Äquivalent..., indem sie uns den Hintergrund dafür gibt, eine Perspektive zu entwickeln, aus der wir die Worte interpretieren, die wir lesen."

Pedro Meyer war sich nicht sicher, ob er eine von Cristina an gerichtete Frage verstanden hatte. Im Zusammenhang mit den in ihrem anderen Posting "Internet Globalisierung" gemachten Äußerungen über das Privileg, einen Internet-Anschluß zu haben, meinte er, es hätte keinen Sinn, deshalb Schuldgefühle zu entwickeln. Man sei längst nicht nur dadurch privilegiert, sondern auch durch das Gesundheitswesen, die Möglichkeit, als Künstler/-in zu arbeiten etc. "Ich versuche nach Kräften, meine 'Privilegien' konstruktiv zu nutzen".

Hans Braumüller erklärte kurz, was Cristina wohl gemeint haben mag und fügte in Bezug auf die von ihr erwähnten ökologischen Probleme und die "technologische Trennung zwischen dem Norden und dem Süden" hinzu, daß diese "keine naturgegebene" ist, sondern ein Ausdruck des Prozesses der Kolonialisierung, des Imperialismus und der Geschichte, der von Menschen hervorgebracht wurde und deshalb auch von Menschen verändert werden kann."

Anjali Arora äußerte sich erneut begeistert über die Möglichkeiten, die das Internet ihr bietet ("das ist eine Revolution ... eine der besten Sachen, die der Menschheit passieren konnten"). Sie meinte, "in Entwicklungsländern wie dem meinen (Indien)", würde das Internet zu mehr Transparenz und dazu beitragen, "unsere Gesellschaften von Geschäftemachern und korrupten Führern zu befreien." Es sei ein "wahrhaft demokratisches Medium", ... "der kritische Faktor ist dabei das Individuum und sein Wille, die Dinge für sich zu nutzen". ... "Die Abgänger der wichtigsten Management und Technologie Institute Indiens" kämen nicht mehr nur aus der Elite, sondern oft auch aus "aus extrem bescheidenen Verhältnissen".

José Tlatelpas schrieb: "Ich denke, daß die im Web publizierte Kunst und Kultur für sich genommen keine andere Kultur und Kunst ist. Das Web ist ein Medium, um kulturelle Produkte und Dienstleistungen zu verbreiten, und dabei beeinflußt es wohl deren Entwicklung, Stil und Weg, aber nicht ihr Wesen." Deshalb sei "die Internet-Kultur keine Kultur für sich, sondern ein Stil oder ein Modus der Haupt-Kultur." Das Web "ist einflußreich, aber es ist begrenzt ... doch immerhin lebendig und dynamisch. Wir sind auch begrenzte Nutzer, und wir finden Wege, um - wie auch immer - grenzenlos, hoffnungsvoll, erneuernd zu sein". Daraus leitete er seinen Vorschlag ab, ein "internationales Netzwerk alternativer Kulturorganisationen im Web" zu schaffen. Es könnte z.B. eine Datenbank mit Fotos, Texten, Kritiken, Kunst" enthalten und ein "koordiniertes Netzwerk von Magazinen sein und unsere Presseveröffentlichungen auf eine viel effektivere Weise verbreiten." "... wir sollten versuchen, unsere Arbeit zu professionalisieren. Ich meine damit nicht kommerzialisieren..."

Sam de Silva fragte gleich darauf: "Warum machen wir nicht ein 'setup' einer Ausstellung, durch die wir künstlerisch oder auf andere Weise ausdrücken können, was wir denken? ... Vielleicht könnte sie auch Teil einer physischen Konferenz/Veranstaltung sein..."


Zusammenfassung: Gerhard Haupt

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