Kulturaustausch via Internet - Chancen und Strategien
Netz-Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin

   Einblicke: 1 >   2    3    4    5    6    7    8    9 english  |  español
 
Einblicke in die Diskussion (1):  12. bis 25. Oktober 1998

2 Wochen nach dem Beginn des Forums ist die Mailingliste auf 108 Mitglieder angewachsen. Darunter sind Angehörige von Institutionen und Organisationen, Kunstvermittler, Künstlerinnen und Künstler, Journalisten, Medienexperten, Studentinnen und Studenten, Betreiber von Websites etc. Die Liste derjenigen, die ihre Angaben für eine Veröffentlichung freigegeben haben, ist jetzt auch via Email abrufbar (Mail an forum1-info@hkw.kbx.de mit dem Inhalt: get members).

Zum Start des Forums wurden die 10 einführenden Statements veröffentlicht. Offenbar haben sich die meisten Mitglieder der Mailingliste zunächst der Lektüre des umfangreichen Materials gewidmet, denn die Debatte begann recht zögerlich. Alle Beiträge sind im Webarchiv nach Datum, Thread oder Autor geordnet und können natürlich auch auf der Email-Ebene gelesen werden (siehe Options). Hier fasse ich einige aus meiner Sicht wichtige Aspekte zusammen. Ich bitte die Autoren um Verständnis dafür, daß es dabei zwangsläufig zu Verkürzungen und Vereinfachungen kommt.

Als erster meldete sich Manfred Brönner (Direktor des Goethe-Instituts in Houston) zu Wort. Er meinte u.a., eine der entscheidenden Fragen der Diskussion müßte sein, wie die "self-centered" in den selbsternannten Machtzentren "gezwungen" werden könnten, auch das wahrzunehmen, was sie bislang ignorieren. Allerdings stieß sein Vorschlag auf Ablehnung, "EIN einziges Forum (virtuell oder real) zu schaffen, das durch eine effiziente Instrumentalisierung über die Jahre hinweg DER Ort werden könnte, der regelmäßig konsultiert werden muß, wenn jemand als Kurator, Choreograph, Kunstkritiker etc. anerkannt werden will."

Pat Binder (argentinischen Künstlerin, lebt in Berlin) begrüßte es, daß gerade vom Angehörigen einer Institution, die deutsche Kultur weltweit verbreiten soll, solche Äußerungen hinsichtlich der "self-centered" zu lesen sind. Die Obsession, die "Zentren" zu mehr Aufmerksamkeit zu "zwingen", haben normalerweise diejenigen, die sich einer Peripherie (welcher auch immer) zugehörig fühlen. Doch gerade das erhält den status quo "Zentrum - Peripherie". Diesbezüglich sei mehr Selbstkritik und Selbstbewußtsein auf Seiten der vermeintlich "Anderen" angebracht. Binder zitierte dazu aus einem Interview mit Geeta Kapur: "Ich bin nicht mehr daran interessiert, europäischen Kuratoren immer wieder zu sagen, daß sie asiatische Kunst in ihre Ausstellungen einbeziehen müssen. Es gibt jetzt eine gewisse parallele Entwicklung in den Regionen, und das ist nur gut so. ... Es muss doch nicht alles unbedingt nach Europa oder Amerika kommen."

Olu Oguibe (Künstler, Kunsthistoriker, Dichter, Kommentator der Cyberkultur) reagierte heftig auf eine Kritik von Sabine Vogel an der 2. Biennale Johannesburg, die Pat Binder im Grunde nur als Beispiel dafür anführte, welche Informationen einem nach dem Verschwinden der Website der Biennale aus dem Netz zur Verfügung stehen. Er hob die besonderen Verdienste hevor, die diese Biennale aus seiner Sicht hat. In Postings besonders von Binder, Sabine Vogel und Yu Yeon Kim wurde das Thema weiter diskutiert, wobei wohl auch einige Mißverständnisse geklärt werden konnten.

Yu Yeon Kim (Kuratorin in New York und Seoul) ging von einer Äußerung von Manfred Brönner aus, von der sie vermutete, daß er sie auf ihr Statement und das von Tom Vincent bezog: "Leider bringt es nichts, sich darüber zu beklagen, daß Kunst und ihre Bemühungen in geschäftliche Interessen eingegliedert und dafür benutzt werden." Kim schrieb dazu: "Mir ging es darum, wie Beziehungen und Sprache im digitalen Diskurs durch die Natur seiner kommerziell orientierten Struktur und Werkzeuge sowie den Markt selbst, der seine technologische Entwicklung vorantreibt, schon in hohem Maße vordefiniert sind. Kritisch und kreativ innerhalb oder in Beziehung zu solch einer Umgebung zu arbeiten, erfordert zumindest die Anerkennung dieser Aspekte." Es folgen längere Ausführungen über das Wesen und die Mechanismen des Internet. Die "Globale Kultur", die sich im Internet aus der Vielzahl der mit dem Netz verbundenen, einzelnen Individuen, Organisationen, Unternehmen, Regierungen etc. ergibt, "impliziert von ihrem Wesen her Pluralität, aber auch eine Konfluenz von Kulturen, die sich in einem ständigen Prozeß des Kontakts, Austauschs und der Evolution befinden und stark durch die problematische Verknüpfung ihrer jeweiligen Geschichten geprägt sind." Kim schrieb weiter: "Es muß aus westlicher Perspektive mit ihrer Geschichte des Kolonialismus tatsächlich sehr schwer sein, über die bloße Fetischisierung und Stereotypisierung der asiatischen, afrikanischen und sogenannten Dritte-Welt-Kulturen hinauszugehen. Diese Kulturen brauchen aber keinen Schutz vor der Infektion und Verunreinigung durch - wie Armin Medosch schrieb - 'jene Art von Globalisierung, die soviel Schaden für zuvor geschützte lokale Wirtschaften und Kulturen bringen kann'". Durch die schon lange vor dem Internet einsetzende Evolution globaler Kultur sind "sowohl die Überbringer als auch die Empfänger" bei ihren Zusammentreffen "verunreinigt" worden. "Die Entwicklung von Kulturen war immer mehr das Ergebnis von Austausch als von Bewahrung lokaler Integrität". "Moderne 'globale' Kultur ist ein pluralistischer Diskurs, bei dem der Transport (ich zögere, etwas 'Austausch' zu nennen, das durch die Übertragung in einen Prozeß umgewandelt wird) kultureller Ideen vielleicht so stark beschleunigt wurde, das es unsere Fähigkeit übersteigt, sie vernünftig zu assimilieren. Wie dem auch sei, diese Daten werden bei ihrer Ankunft immer gemäß ihrer Relevanz für den Ort übersetzt."

Obwohl Guillermo Gómez-Peña (Performance- und Medien-Künstler aus Mexiko, lebt in den USA) sich leider nicht direkt an der Debatte beteiligen kann, da er bis zum Jahresende auf Tour ist, war er mit dem posting seines "1. Entwurfs eines Manifests: Remapping Cyberspace" einverstanden. Dabei handelt es sich um die aktuellste Fassung des 4. Kapitels seines Textes "The Virtual Barrio @ The Other Frontier (or the Chicano interneta)", den wir auch komplett als abrufbare Email anbieten (schicken Sie eine Mail an forum1-info@hkw.kbx.de und schreiben Sie in Betreff oder Inhalt get gp1 für den ersten und get gp2 für den zweiten Teil).

Andrea Siemsen (Mitarbeiterin im Haus der Kulturen der Welt) äußerte sich ausgehend von Gómez-Peña über die Grenzen und Möglichkeiten des Internet bei der globalen Kommunikation und Information. Sie fragt dabei angesichts vieler Homepages auch, ob das Medium tatsächlich dafür genutzt wird, oder ob wir wieder auf McLuhans "The medium is the message" zurückgehen.

Klaus Jürgen Schmidt, Trustee & Managing Editor, präsentierte sehr ausführlich das von Zimbabwe aus agierende "Radio Bridge Overseas". Es ist erstaunlich, daß im Forum bisher nicht mehr von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wurde, die Nutzung des Internet im Kulturaustausch anhand konkreter eigener Projekte und Erfahrungen zu erörtern und sich dabei zugleich einem größeren Kreis potentieller Partner vorzustellen.

In seinem letzten posting bezog sich Olu Oguibe diesmal auf ganz andere Weise auf Pat Binders Frage, weshalb die Website der 2. Johannesburg Biennale aus dem WWW verschwand, während die Site der 1. Biennale nach wie vor verfügbar ist. Er schrieb: "Dafür gibt es einen Grund, und dieser Grund wird nicht ganz harmlos sein. Es ist ein Grund, der uns zu einer der Fragen dieses Forums zurückführt: ob der Cyberspace in der Lage ist, Haltungen und Praktiken im realen Leben zu überwinden oder zu beinflussen, seien diese nun individuell oder institutionell." Oguibe hat auch keine offizielle Information darüber erhalten, weshalb die Website vom Server genommen wurde, aber: "Meine Vermutungen legen eine der großen Beschränkungen des Austauschs via Cyberspace nahe ..., nämlich die Anfälligkeit digitaler Information. Während viele die Macht des Internet gelobt haben, die Information aus den Händen der traditionellen Kontrollstrukturen zu nehmen, haben wir oft ignoriert, daß auch das Gegenteil sehr wahr ist; daß serverbasierte Information durch ihre ureigene Natur der Gnade derjenigen unterworfen ist, die die realen Orte kontrollieren, und der Individuen, welche die Server unter Kontrolle haben. Angesichts unseres wachsenden Vertrauens in die Wunder des Internet verlassen wir uns so sehr auf seine Verfügbarkeit, daß wir es als sicher ansehen, immer wieder zu einer Site zurückkehren und die einmal abgelegte Information wiederfinden zu können. Aber die Zeit und auch wieder dieser Fall zeigen, daß dies nicht stimmt." "... politisches Kalkül, Neigungen und Voreingenommenheiten im realen Leben können die Natur und Verfügbarkeit von Internet-Information beeinträchtigen." "... jede Anstrengung, traditionelle Informationsquellen mundtot zu machen, konnte in der Vergangenheit aufgespürt und angeklagt werden, bei digitaler Information ist es hingegen leichter, sie spurlos verschwinden zu lassen."
Olu Oguibe schloß mit einer eindringlichen Mahnung: "Das Internet ist bestenfalls ein überaus fragiles und unzuverlässiges Behältnis für Information, sei es zu Kultur oder Veranstaltungen, und deshalb ist es angebracht, es mit noch mehr Verstand als traditionelle Quellen zu handhaben. Aus diesem Grund müssen wir darin fortfahren, Rückgreifmöglichkeiten und Alternativen für wichtige Informationen anzubieten: durch zusätzliche Spiegel-Sites, Site-Downloads, Überwachung, Ausdrucke, Alternativen zu offiziellen Sites. Anfragen müssen an Institutionen gerichtet werden, wenn Sites und Seiten, die wir für wichtig halten, aus der Öffentlichkeit entfernt werden. Andernfalls würde Kulturaustausch über das Internet in hohem Maße ein bloßes, der Gnade institutioneller Server-Kontrolle unterworfenes Privileg sein."


Zusammenfassung: Gerhard Haupt

up
   Einblicke:
1 >   2    3    4    5    6    7    8    9
   Feedback   Möchten Sie sich in der Debatte äußern? Beachten Sie bitte, daß diese in englisch über eine Mailingliste stattfindet (siehe Modalitäten).

Um sich in diese einzutragen, schicken Sie eine Email an join-forum1@hkw.kbx.de oder geben Sie Ihre Angaben in das Formular ein. Erst nachdem Sie die Bestätigungsmail erhalten haben, können Sie aktiv am Forum teilnehmen.

Wenn Sie bereits Mitglied der Mailingliste sind, können Sie Ihre Meinung direkt an forum1@hkw.kbx.de schicken (bitte in englisch).
 zurück

Forum des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, zur Nutzung des Internet im Kulturaustausch mit und zwischen Afrika, Asien/Pazifik, Lateinamerika. 1998/1999

Projektleitung: Gerhard Haupt - haupt@uinic.de